Der Diener am Werk

- Manchmal scheint es, als ob der Dirigent Franz Welser-Möst für jedes große Amt gehandelt wird, das der Musikmarkt gerade bietet - bis hin zur Chefetage der Salzburger Festspiele. Der gebürtige Linzer ist seit 1995 musikalischer Chef der Zürcher Oper, steht auch an der Spitze des Cleveland Orchestras - und gastiert am Donnerstag und Freitag beim Symphonie-Orchester des BR. Auf dem Programm: "Night's Black Bird" von Harrison Birtwistle, Alban Bergs "Drei Orchesterstücke" op. 6 und die achte Symphonie von Franz Schubert, die "Große".

<P class=MsoNormal>Sie sind ein Dirigent aus Schuberts Heimat. Kann man dann den Geist dieser Musik besser erspüren als etwa ein Amerikaner?<BR>Welser-Möst: Schubert schöpft aus der Volksmusik. Und wenn man ein Gefühl dafür hat, kommt man auch mit ihm zurecht. Ich kann nur sagen, was ich empfinde. Ich habe eine eigenartige, sehr innige Beziehung zu Schubert seit meiner Kindheit. Als ich vier war, musste mir meine Mutter immer Schubert-Impromptus vorspielen. Später hatte ich einen schweren Autounfall. Auch wenn es lächerlich klingen mag: Der war nicht nur genau an Schuberts 150. Todestag, sondern auch genau zur Todesstunde.</P><P class=MsoNormal>Sie sind Chef eines US-Orchesters. Kann der europäische etwas vom amerikanischen Markt lernen?<BR>Welser-Möst: Hat er ja schon. Die technische Perfektion in Europa hat sich in den letzten 30 Jahren wahnsinnig gesteigert. Nehmen wir meine erste Probe von Bergs Opus 6 jetzt beim BR. Eines der schwierigsten Werke überhaupt. Vor 30 Jahren wäre so etwas schnell zusammengebrochen. Und heute . . . Auf der anderen Seite verlangen sowohl Berg als auch Schubert ein gewisses Musikantentum. Und das kriegt man in Amerika ein bisserl schwerer hin.</P><P class=MsoNormal>Woher kommt das?<BR>Welser-Möst: Durch einen allgemeinen Kulturkomplex. Es fehlt etwas das Verständnis für die europäische Musizierweise. Und man hat versucht, dieses Defizit durch Perfektion zu ersetzen. Cleveland war immer eine Ausnahme, weil es nicht zu den "lauten" US-Orchestern gehört.</P><P class=MsoNormal>Fühlen Sie sich dort in der Programmplanung eingeengter als in Europa?<BR>Welser-Möst: Freier sogar. Cleveland ist eine echte Insel. Wir spielen mit Abstand mehr zeitgenössische Musik als andere US-Orchester. Wichtig ist die Frage, ob einem Musik etwas gibt. Und da ist es fast zweitrangig, ob es ein Stück von Birtwistle oder die Matthäus-Passion ist.</P><P class=MsoNormal>Das funktioniert natürlich nur, wenn man sich als Dirigent nicht spezialisiert.<BR>Welser-Möst: Ich habe ja von 1980 bis 1984 in München studiert. Und mir wurden von mehreren Lehrern zwei Dinge gesagt: Ja nicht in den Orchestergraben, da macht ihr keine Karriere. Zweitens: Spezialisiert euch in den Konzerten. Und das ist doch die Krux. Ich habe Respekt vor meinen Kollegen, aber viele haben genau das gemacht. Ich habe mich immer als Allrounder begriffen. Man lernt gerade im Graben viel von dem Handwerk, das man auf dem Konzertpodium braucht. Und was die Oper anbelangt, sind wir sowieso in einem desolaten Zustand, wenn es darum geht, wem man das italienische Repertoire gibt. Welcher tolle Dirigent leitet heute eine "Traviata" oder eine "Bohè`me"? Deshalb bedaure ich, dass sich viele Kollegen nicht der Ochsentour am Theater unterziehen. Auch in einer Schubert-Symphonie profitiert man davon, was Atmen heißt.</P><P class=MsoNormal>Vielleicht ändert sich ja das Selbstverständnis von Künstlern, die sich nun nicht mehr mit einer genialischen Aura umgeben.<BR>Welser-Möst: Auch wenn ich schon dafür gescholten wurde: Ich bin ein wenig froh über den Zusammenbruch der Plattenindustrie. Man musste ständig neue Stars erfinden, hat deren Entwicklung dadurch gehemmt und die Leute korrumpiert. In unserem Beruf braucht man einfach Disziplin. Man ist Diener am Werk, Punkt.</P><P class=MsoNormal>Günter Wand hat Schuberts Achte sehr spät dirigiert. Gibt es etwas, das Sie sich aufheben?<BR>Welser-Möst: Es gibt Stücke, die mir lustigerweise noch nicht untergekommen sind. Strauss' "Heldenleben" oder Berlioz' "Symphonie fantastique". Am Musikgymnasium in Linz habe ich, das darf ich gar nicht laut sagen, mit 20 Beethovens "Missa solemnis" dirigiert. Ein musikalisches Verbrechen. Aber man sollte sich eigentlich früh mit diesen Dingen beschäftigen. Wie soll ich es lernen, wenn ich es nicht mache? Die Stücke wachsen ja in einem.</P><P class=MsoNormal>Stimmt es, dass München Sie knapp verpasst hat - als Chefdirigent der Oper?<BR>Welser-Möst: Ja (lacht). Aber ich komme ja wahnsinnig gern her, dann eben zum BR.</P><P class=MsoNormal>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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