Im Dienst der Dichter

- Es war still geworden um ihn. Seine Stimme wird schon seit längerem vermisst. Jetzt herrscht Gewissheit: Sie ist für immer verstummt. Am Sonntag ist Gert Westphal, Schauspieler, Rezitator, Vorleser vor allem, im Alter von 82 Jahren an Krebs gestorben. Seine Stimme aber bleibt erhalten - durch zahlreiche Rundfunkaufnahmen und Hörbücher.

Der aus Dresden stammende Westphal, der seit den 60er-Jahren in der Schweiz lebte, war zwar Schauspieler und Regisseur. Er gehörte 20 Jahre dem Zürcher Schauspielhaus an, spielte dort das klassische und moderne Repertoire, inszenierte hin und wieder für ein Tourneeunternehmen und in Braunschweig, Nürnberg, Düsseldorf auch die eine oder andere Oper. Seinen großen Ruhm aber hat sich Westphal durch seine hohe Kunst des Lesens erworben. <BR><BR>Unverkennbar, einmalig die markige, vollklingende Stimme, die er mit hoher Intelligenz und großer Interpretationskunst in den Dienst der Dichter stellte. Die Bandbreite seiner Rundfunklesungen und Plattenaufnahmen sucht ihresgleichen: Ob Theodor Fontane, Johann Wolfgang Goethe, Heinrich Heine, Hermann Hesse oder Thomas Mann - er war "Dichters oberster Mund", wie ihm Katja Mann einmal schmeichelte. Das war, nachdem Westphal 1963 im Norddeutschen Rundfunk an 28 Abenden Thomas Manns Josefsromane vorgetragen hatte. Der Erfolg war damals so groß, dass der Verlag auf die dringende Bitte der Buchhändler hin eine preiswerte Buchausgabe der vier Bände auf den Markt brachte. <BR><BR>Seither hat Gert Westphal mit seiner einmaligen Stimme immer wieder Generationen an die Literatur herangeführt. Er reiste von Theater zu Theater - und las vor. Und das Publikum stürmte jeweils den Saal. <BR><BR>Für Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki war Westphal "wahrscheinlich der beste Rezitator in deutscher Sprache". Am besten sei er gewesen beim Lesen der Texte Theodor Fontanes und Thomas Manns. "Auf diesem Gebiet war er unschlagbar. Seine Rezitation ist in des Wortes eigentlicher Bedeutung eine Interpretation gewesen. Er hat lesend die Texte auf unaufdringliche Weise kommentiert." <BR><BR>

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