Wer ist diese Atem-Anhalt-Frau?

Mit drei Liedern hat sie die Pop-Welt auf den Kopf gestellt: Lana Del Rey könnte 2012 Lady Gaga vom Thron stoßen.

Drei Lieder. Ganze drei Lieder. Mehr Musik hat die Welt bisher noch nicht gehört von Lana Del Rey – doch diese drei Lieder genügen, um die Amerikanerin mit dem meterbreiten Lidstrich, die Frau mit der skandalös dicken Oberlippe, schon am zweiten Tag des Jahres zum größten anzunehmenden Popstar 2012 auszurufen. Geh nach Hause, Lady Gaga – jetzt kommt Lady Retro! Mit ihrer verruchten Dreißigerjahre-Hollywood-Optik, mit ihrer hinreißend gehauchten Sehnsuchtsballade „Video Games“, mit ihrer rätselhaften Geschichte und mit ihren Lippen (diese Lippen!) treibt die 25-Jährige seit Wochen elegante Spielchen mit den Feuilletons von London bis New York. Nun wartet die Pop-Welt auf ihr Debütalbum „Born To Die“, das am 27. Januar erscheint – und hofft auf Antworten. Wer, zum Teufel, ist diese junge Frau, die aus einer Zeit zu kommen scheint, als Stars noch Stars waren? Die viel von Nancy Sinatra hat, von Bond-Girls der Sechziger, und gottlob wenig von Rihanna.

Allein schon der Name. Lana Del Rey. Mehr Glamour ist kaum denkbar. Vorn Lana Turner, hinten eine Königin. Ein Atem-Anhalt-Name für eine Atem-Anhalt-Frau mit einem Atem-Anhalt-Look. Natürlich heißt sie nicht in echt so. Kein Mensch heißt Lana Del Rey, außer er hat vor mindestens 70 Jahren in unsterblichen Filmen den unsterblichen Clark Gable angeschmachtet. In Wahrheit heißt das Girl mit den verworfenen Lippen (wir sprachen davon) reichlich profan Elizabeth Grant. Ihr Spitzname „Lizzy“ macht es nicht besser. Als Lizzy Grant wird man nicht Weltstar, selbst Lady Gaga heißt zumindest Stefani Germanotta. Mit dem Namen beginnen die Probleme. „Mehrere Manager und Rechtsanwälte haben sich diesen Namen ausgedacht, weil er perfekt zu meiner Musik passt“, gesteht Miss Ex-Grant.

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Als „Video Games“, dieser hypnotisch schöne Wahnsinns-Hit über einen Ex-Geliebten, der sich lieber mit Videospielen als mit ihr beschäftigte, im vergangenen Oktober in die Hitparaden der Welt rauschte, fragten sich alle: Ist die Lady echt? Kann eine Frau echt sein, die ihre dramatischen rotblonden Locken aus dem untergegangenen Vorkriegs-Hollywood ins 21. Jahrhundert herübergerettet hat? Die ihre künstlichen Fingernägel so spitz trägt, dass sie dem emotional verkümmerten Videospieler ihre Finger mühelos mitten ins Herz rammen könnte? Stiletto-Nails nennt man diese Krallen. Andere Frauen tragen High-Heels an den Füßen – Miss Del Rey, die mutmaßliche Stil-Ikone 2012, trägt sie an den Fingern.

„Ich habe nichts gemacht an meinen Lippen, ich sehe einfach so aus, wenn ich singe“, beteuert die sepiafarbene Femme fatale. Glauben mag ihr das niemand. Und es geistern gar Verschwörungstheorien durchs Internet, dass ihr Management, ihre Erfinder, ihre Schöpfer, den Lippen-Exzess absichtlich inszeniert haben, um Lana Del Rey den Look eines gefallenen Engels zu verleihen, eines vom Leben gebeutelten Mädchens aus dem US-Wintersportkaff Lake Placid, das dennoch tapfer und unverdrossen auf seinen ersehnten Clark Gable wartet.

Mit der Glaubwürdigkeit ist es ohnehin ein wenig schwierig bei Lana Del Rey. Ihre Songs, auch wenn es bisher nur drei sind, schreibt sie teilweise selbst. Das grandiose Video zu „Video Games“, in dem das alte Hollywood in Bonbonfarben Wiederauferstehung feiert, hat sie selbst inszeniert und geschnitten. Doch der selbstbestimmte Indiepop-Star, als der sie sich selbst gerne darstellt, ist sie dennoch nicht. Plattenriese Universal hat in den vergangenen 18 Monaten generalstabsmäßig an ihrem Image gefeilt, zu ihren Produzenten gehört der einstige Robbie-Williams-Hofkomponist Guy Chambers.

Und nicht einmal die Geschichte mit den drei Liedern stimmt wirklich. Im Jahr 2008 hat Lana Del Rey unter ihrem Ex-Namen Lizzy Grant schon einmal ein Album aufgenommen, es hieß „Kill Kill“ – und wurde nach drei Monaten von der Plattenfirma vom Markt genommen, aus allen Download-Portalen gelöscht. Die Platte, obwohl insgesamt mehr als ordentlich, sollte dem Neuen, dem Großen, dem Weltstar vom Reißbrett, nicht im Weg stehen.

Alles nur Lug und Trug somit? Durchaus nicht. „Kill Kill“ geistert nun seit 2008 durchs Internet, das Netz vergisst nichts – und wer die Platte hört, die es eigentlich nicht geben darf, hört einige hinreißende Songs wie „Queen Of The Gas Station“, die Königin der Tankstelle, neu erfundenen Sixties-Pop, so fantastisch, dass Nancy Sinatra, dass jede Sängerin der Welt, dafür töten würde. Wenn Lana Del Rey auf „Born To Die“ mehrere Songs dieses Kalibers zustande bringt – dann ist sie tatsächlich geboren, um ein veritabler Superstar zu werden. Plastik hin, Plastik her – es kommt drauf an, was man draus macht.

Jörg Heinrich

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