Selbstbewusste Frauen, edel geschmückt: Eine Fotowand in der Ausstellung des Münchner Stadtmuseums zeigt, wie Frauen früher (2. v. li.) und heute Schmuck trugen und tragen.
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Selbstbewusste Frauen, edel geschmückt: Eine Fotowand in der Ausstellung des Münchner Stadtmuseums zeigt, wie Frauen früher (2. v. li.) und heute Schmuck trugen und tragen.

Das Münchner Stadtmuseum zeigt höchste Juwelierkunst von früher und heute

Diese Ausstellung ist ein Schmuckstück!

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Endlich! Es funkelt wieder im Münchner Stadtmuseum. Voraussichtlich bis September können Besucher Schmuck aus der Bayerischen Landeshauptstadt hier genießen. Von früher und heute. Sehenswert!

Was für eine saugute Idee. Es ist leicht, aus heutiger Sicht Elfenbeinschmuck zu verteufeln, findet Patrik Graf. Elefanten zu töten, um ihnen die Stoßzähne herauszuschneiden – wie unmenschlich! Stimmt. Inzwischen ist das verboten, für uns „moderne“ Menschen völlig klar. Doch sind wir, was das Tierwohl angeht, wirklich weitergekommen? Um das zu hinterfragen, hat der Student der Münchner Akademie der Bildenden Künste eine echte Schweinsnase zu einer Brosche verarbeitet. Sie hängt nun im Münchner Stadtmuseum neben Elfenbeinbroschen und -anhängern wie dem des Juweliers Alwin Schreiber aus dem Jahr 1912. Als heutiger Betrachter steht man kleinlaut davor – und muss sich an die eigene Schweinsnase fassen.

Elfenbeinschmuck ist heute verpönt. Patrik Graf fertigte eine Brosche aus Schwein, um zu zeigen, dass wir „modernen Menschen“ nicht besser mit Tieren umgehen.

Ab morgen ist die Schau „MUC/Schmuck“ für die Öffentlichkeit zugänglich. Man hofft, sie ohne Unterbrechung bis Ende September zeigen zu können. Tatsächlich wäre es jammerschade, würden diese Schmuckstücke einer Lockdown-Sperre zum Opfer fallen. Denn hier haben sich 25 Studierende aus der Klasse für Schmuck und Gerät von Professorin Karen Pontoppidan äußerst kreative Neuinterpretationen von Münchner Juwelierkunst von Anno dazumal einfallen lassen.

Die bayerische Landeshauptstadt spielte in der Goldschmiedekunst ab Ende des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle. Besonders charakteristisch für viele der hiesigen Künstler war, dass sie auch nach der Wende zum 20. Jahrhundert, als der Jugendstil gedieh, weiter historische Stile und Techniken pflegten. Eben traditionsbewusst wie immer, die Bayern. Doch bei aller Brauchtumsliebe auch immer der Zukunft zugewandt. So sind in einigen Vitrinen, die sich längs durch den großen Ausstellungsraum ziehen, die Art-déco-Einflüsse unverkennbar.

Das Münchner Kindl in einer Brosche von Theodor Heiden (1908).

Insgesamt funkeln hier rund 100 historische Broschen, Anhänger, Ringe und Halsschmuck. Das ist etwa die Hälfte der Sammlung Münchner Schmuck, die Beate Dry-von Zezschwitz über Jahrzehnte zusammengetragen – und durch deren Ankauf das Museum eine entscheidende Lücke im eigenen Bestand gefüllt hat.

Nun hätten die Kuratorinnen Antonia Voit (Münchner Stadtmuseum) und Karen Pontoppidan einfach die neuen Schönheiten in Vitrinen legen und für sich scheinen lassen können. Das hätte hübsch ausgesehen, der Clou dieser Schau ist aber die Verbindung des Historischen mit den teilweise radikalen Entwürfen der Jungen und Wilden von der Akademie. Die wollen nicht einfach fertigen, was gefällt. Hier hat jedes Stück neben dem künstlerischen einen gesellschaftskritischen Ansatz.

Es lohnt sich also, bei jeder dieser mit höchstem handwerklichen Geschick gefertigten Arbeiten genau hinzuschauen. Die 15 Broschen von Mariko Kakinaga beispielsweise lassen einen erst grübeln. Lauter Salz-, Pfeffer- und Zuckertütchen hat sie in Kupfer und Harz gefasst. Daneben hängen Plaketten aus vergangenen Zeiten von bedeutenden Ereignissen wie der Dresdner Hygiene Ausstellung 1911. Erinnerungs-Anstecker an historische Momente. Durch diesen Kontrast dämmert es einem: Es mögen unbedeutende Beutelchen sein, die Kakinaga da zu Schmuck verarbeitet hat. In Cafés aller Welt liegen sie herum. Doch vielleicht ja auch in genau dem Café, in dem man einst eine große Liebe kennengelernt hat. Wie wichtig ist angesichts eines solchen Rendezvous noch eine Expo oder Biennale? Individuelle und universelle Geschichte können manchmal weit auseinandergehen. Saustark.

Bis 26. September im Münchner Stadtmuseum; Di.-So. 10-18 Uhr; Telefon 089/ 23 32 23 70.

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