Diese gewisse Ausstrahlung

- 13 Sommer als Wotan auf der Bayreuther Festspielbühne dürfte ein Rekord sein, den Theo Adam auch in naher Zukunft wohl kein Kollege so leicht abspenstig machen wird. Und selbst heute, mit 80 Jahren, ist der Bassbariton immer wieder auch als Sänger aktiv.

So wird er etwa Ende des Jahres noch ein letztes Mal als Eremit in Webers "Freischütz" auf der Bühne seines Stammhauses, der Semperoper in Dresden, zu erleben sein, in eben jener Partie, mit der vor über fünf Jahrzehnten seine Weltkarriere begonnen hatte. Beim laufenden ARD-Musikwettbewerb in München ist nun jedoch zur Abwechslung einmal nicht der Sänger, sondern der Zuhörer Theo Adam gefragt, der als Juror gemeinsam mit einer Reihe prominenter Kollegen über die Vergabe der Preise im Fach Gesang entscheidet.

Wie sind jetzt, kurz vor dem Beginn des Semifinales, Ihre Eindrücke vom bisherigen Verlauf des Wettbewerbs?

Theo Adam: Es gibt hier wirklich viele Sängerinnen und Sänger, die ein fantastisches Material mitbringen. Allein deshalb ist ein solcher Wettbewerb eine interessante Sache, weil man dabei die unterschiedlichsten Stimmen und verschiedensten Interpretationen hören kann. Für mich ist es immer wieder ein Gewinn, wenn man zu so einem Wettbewerb eingeladen wird, weil sich dabei jedes Mal gewissermaßen auch der eigene Horizont erweitert und man neue Menschen kennenlernt, neue Stimmen, neue Persönlichkeiten.

Alle Teilnehmer, die noch im Rennen sind, haben eine harte Vorauswahl hinter sich. Was müssen die jungen Sänger nun vor allem noch mitbringen, um Sie ganz persönlich zu überzeugen?

Adam: Es wird natürlich erst einmal sehr viel Wert gelegt auf die Stimme an sich, die Technik oder die Tonstärke. Das ist ganz klar. Aber daneben gibt es selbstverständlich noch viele andere Aspekte, die eine wichtige Rolle spielen. Vor allem, ob eine Stimme auch diese gewisse Ausstrahlung hat, also nicht einfach nur schön klingt, sondern daneben auch ihren ganz eigenen Charakter besitzt. Das ist uns besonders wichtig.

Wie viel an eigenem Charakter kann man als Sänger überhaupt in einem derart knapp bemessenen Rahmen von vier Liedern bzw. Arien zeigen?

Adam: Es ist immer schwierig, hier in der Kürze der Zeit Kriterien zu finden. Aber natürlich suchen sich die Sänger schon speziell die Stücke aus, mit denen sie glänzen und ihre besonderen Stärken zeigen können. Es gibt da bei jedem Wettbewerb immer wieder Fälle, die das besonders gut beherrschen und sofort eine große Sicherheit ausstrahlen. Da sind dann auch die Reaktionen des Publikums gleich sehr viel lebendiger. Für mich ist es bis jetzt auf alle Fälle ein wirklich hochinteressanter Wettbewerb.

In Ihrem ersten Buch haben Sie ein Kapitel mit der Frage überschrieben: "Ist Persönlichkeit auf der Bühne erlernbar?"

Adam: Wenn man als Künstler im Konzertsaal oder auf der Opernbühne steht, dann muss man eigentlich immer alles geben, was man hat. Das heißt jetzt nicht, dass man brüllen muss, sondern einfach, dass man versucht, das, was man im Studium gelernt hat, nicht einfach nur umzusetzen, sondern auch bei jedem Auftritt immer wieder neu zu interpretieren und sich weiterzuentwickeln.

Sie selbst haben in Ihrer langen Karriere ein breites Repertoire an Opern und Liedern gesungen. Gibt es eventuell dennoch Wünsche, die offen geblieben sind?

Adam: Der Mensch ist natürlich nicht immer gleich zufrieden mit allem, was ihm widerfährt. Aber ich habe auf der ganzen Welt so viele schöne Dinge erlebt und auch erreicht. Und so bin jetzt an meinem Lebensabend doch ganz zufrieden.

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