Diese Lücke ist kaum zu schließen

- Mitte der Woche schmückte sich die Polit-Prominenz in Brüssel, zur Eröffnung der teuren weißblauen Landesvertretung, noch mit dem Münchner Rundfunkorchester, reagierte wohlgefällig auf ein exzellentes Konzert. Doch als BR-Intendant Thomas Gruber graugesichtig auf dem anschließenden Empfang auftauchte, bahnte sich die böse Entscheidung an: Aus finanziellen Gründen löst der Bayerische Rundfunk das Ensemble auf. Begründet wird dies mit der geplanten, "völlig unzureichenden" Erhöhung der Rundfunkgebühren.

<P>Dem BR drohe zwischen 2005 und 2008 ein Finanzloch von insgesamt 60 Millionen Euro, nun muss das Orchester, das neun Millionen pro Jahr kostet, daran glauben. Betroffen sind 71 Musiker und sieben Beschäftigte im Management.</P><P>Dirigent Viotti wollte bis mindestens 2007 bleiben</P><P>Obwohl die Abwicklung des Orchesters schon länger im Raum steht, wurden Musiker und Verwaltung von dem Schritt am Freitagnachmittag völlig überrascht. Chefdirigent Marcello Viotti, der gerade an der New Yorker Met probt und der vor wenigen Tagen seinen Münchner Vertrag bis 2007 verlängern wollte, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Offenbar nicht angetastet werden in dieser Situation das Symphonie-Orchester des BR und der BR-Chor, die anderen beiden Klangkörper des Senders.</P><P>Eine verhängnisvolle Entwicklung, die Schließung von Kultureinrichtungen, hat damit auch den reichen Freistaat erreicht. Sollte das Rundfunkorchester ab der Saison 2005/06 tatsächlich verschwinden, klafft im hiesigen Musikleben eine schwer zu schließende Lücke: Kaum ein anderes Ensemble kümmert sich so intensiv um jugendliche Besucher, ersetzt mit Probenbesuchen, Gesprächskonzerten, Lehrerfortbildungen und speziell auf Kinder und Familien abgestimmten Programmen das, was in Schulen und Elternhäusern versäumt wird. Überdies bietet das Rundfunkorchester mit "Paradisi Gloria" oder den Sonntagskonzerten zwei der erfolgreichsten Münchner Musik-Reihen an, hat auch mit ungewöhnlichen Konzertformen ("Mittwochs um halb neun" oder "Vorhang auf!" am Sonntagnachmittag) neue Publikumsschichten begeistert. Eine Auflösung des Rundfunkorchesters wäre damit zugleich eine Entscheidung für die "Hochkultur", für das große, repräsentative Event.</P><P>Doch auch wenn der Etat des Symphonie-Orchester des BR offenbar nicht angetastet wird, ist der "größere Bruder" des Rundfunkorchesters mittelbar von der Situation betroffen. Bei den BR-Symphonikern gibt es eine Reihe von Stellenvakanzen, die mit Kollegen vom Rundfunkorchester "aufgefüllt" werden könnten. Viele Musiker darf der BR aufgrund von Verträgen und langer Orchester-Zugehörigkeit nicht einfach entlassen. Doch bei den BR-Symphonikern sperrt man sich gegen solche Sozialpläne, gelten die Kollegen vom Rundfunkorchester als "nicht gut genug".</P><P>Schon einmal, vor wenigen Monaten, war diese Debatte aufgeflammt: Anfang des Jahres hatte der BR eine Sparliste vorgelegt, nach der beide Orchester innerhalb von zehn Jahren zusammengelegt werden sollen. Doch nach massiven Protesten war es um dieses Ansinnen still geworden, zumal sich auch das Rundfunkorchester größter Beliebtheit bei vielen Entscheidungsträgern bis in bayerische Kabinettskreise erfreut.</P><P>Gegründet wurde das Münchner Rundfunkorchester 1952. An der Spitze standen so berühmte Dirigenten wie Kurt Eichhorn, Heinz Wallberg, Giuseppe Patané´ oder Roberto Abbado. Vom einstigen Ensemble der "leichten Muse" hat es sich zu einem hochkarätigen Klangkörper gemausert - was auch Marcello Viotti, dem aktuellen Chefdirigenten zu verdanken ist. Doch der Sender bleibt laut BR-Sprecher Rudi Küffner hart: "Wir können uns keine drei Klangkörper mehr leisten."</P>

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