Diese lustvolle Freiheit

- Zehn junge Leute ­ sieben Mädchen, drei Jungen ­ ziehen sich aufs Land zurück. In ihrem selbst geschaffenen Arkadien vertreiben sie sich die Zeit, indem sie zehn Abende lang jeweils zehn Geschichten erzählen. Für jeden Abend wählen sie aus ihrer Mitte einen König oder eine Königin, die das Thema und den Ablauf des Tages festlegen. Giovanni Boccaccio (1313-1375) hat auf diese Weise 100 Novellen geschrieben und zum unsterblichen "Decameron" zusammengefasst. Sie zeugen von der Freude dieser Menschen an der Entdeckung des in dieser Zeit zu kurz gekommenen irdischen Lebens.

"Erotisch, pornografisch, komisch, tragisch, kritisch."

Laura Olivi

Den spektakulären Werken der Weltliteratur, diesen großen Gesängen von Homer bis Dante, fühlt sich seit Jahren das Bayerische Staatsschauspiel verpflichtet. Und hier speziell die Dramaturgin Laura Olivi. Sie ist die Frau, die hinter den Mammut-Lesungen wie der Odyssee, der Ilias, der Metamorphosen oder der Aeneis steht. Veranstaltungen, gekrönt durch die Kunst Thomas Holtzmanns und Rolf Boysens, die stets vor ausverkauftem Haus stattfanden. Jetzt ist Boccaccios "Decameron" dran. Am 20., 21. und 22. Februar lesen Juliane Köhler und Lambert Hamel in der Allerheiligen Hofkirche das "Decameron".

Wenn man der Chronologie folgen würde, wäre erst Dantes "Göttliche Komödie" dran. Laura Olivi: "Es stimmt, der Dante ist älter, und beide Werke sind miteinander verbunden, die irdische Komödie des Boccaccio mit der göttlichen Dantes. Inhaltlich ist dieser Tausch kein Problem. Das ,Decameron’ passt natürlich besser zur Faschingswoche. Und dann auch noch in der Kirche ­ stellen Sie sich vor, was das für eine Bedeutung haben kann. ,Die göttliche Komödie’ kommt in der ersten Junihälfte im Residenztheater heraus ­ mit Rolf Boysen."

Ein Berg von Arbeit. Die Kunst dieser Abende liegt nämlich nicht nur in der Art der Wiedergabe ­ im aktuellen Fall durch Köhler und Hamel. Die Kunst besteht auch darin, diese Riesenwerke durch kluges Streichen von Text und das geschickte Herstellen von Übergängen passend zu machen für die Bühne. Laura Olivi, die Italienerin aus Reggio Emilia, die seit Jahren im Ensemble von Dieter Dorn zu Hause ist, hat eine besondere Beziehung zu den Klassikern der griechischen und römischen Antike wie denen des italienischen Mittelalters und der Renaissance: "Ich habe diese Werke im Kopf, ich sehe die Figuren vor mir, denn diese Texte ­ das ist Theater." Eine Leidenschaft, die Olivi seit ihrer Schulzeit hegt, wo sie die Originale aus dem Altgriechischen, Lateinischen, Altitalienischen ins Italienische übersetzte: "Ich habe das geliebt." Und sie liebt es bis heute. Wenn die temperamentvolle Italienerin über das "Decameron" spricht, entsteht diese sinnliche Welt des Boccaccio gleich mit.

Auf 19 Novellen hat sie die Sammlung reduziert. Dazu die Rahmenhandlung, die von großer Bedeutung ist. "Darin schildert Boccaccio ­ das ist bei uns natürlich Lambert Hamel ­ sehr genau die Zustände, die 1348 in Florenz zur Zeit der Pest herrschten, wie die Menschen starben. Und diese Rahmenhandlung kontrastiert er mit den Geschichten der jungen Menschen, mit dieser absoluten, lustvollen Freiheit. Teilweise ist das sehr erotisch und pornografisch, oft von unglaublicher Komik, mitunter sehr tragisch, ernst und philosophisch und immer sehr kritisch der Kirche gegenüber."

Es gibt den berühmten Film von Pasolini. Ließe sich nicht auch eine theatralische Umsetzung des "Decameron" auf der Bühne denken? Olivi: "Ja, das ist vorstellbar; aber man braucht dazu einen Dramatiker."

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