Dieser Balzac unserer Zeit

- Das Urteil über Johannes Mario Simmel schwankte häufig zwischen Überheblichkeit und Unverständnis. In den Feuilletons war vom "Markenartikler unter den deutschsprachigen Unterhaltungsschriftstellern" die Rede - oder gar vom "schreibenden Triebtäter". Dieser Bestseller-Autor, dessen Bücher zu Welterfolgen wurden, hat lange gebraucht, um seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sie versuchten vergeblich, seine Romane als Trivialliteratur abzutun. Unterhaltungsliteratur hat eben in Deutschland immer schon einen schlechten Ruf gehabt.

Aber dieser "Balzac unserer Zeit", wie ihn Autor Stefan Heym einmal genannt hat, setzte sich mit jedem seiner neuen Werke energisch gegen das literarische Establishment durch. Und jedes Mal, wenn der "neue Simmel" herauskam, konnte der eher bescheiden und zurückhaltend auftretende Autor Triumphe wahrer Empfindung feiern.<BR><BR>Der gebürtige Wiener hat zunächst als Reporter in Österreich und in Deutschland gearbeitet. Er schrieb Drehbücher für Unterhaltungsfilme, Kolportagen, Storys mit Witz und überlegener Ironie. Immer waren es heiße Themen, denen sich Simmel in seinen dickleibigen Bänden mit den weithin erkennbaren Titeln später annahm. Mit großer Courage stürzte sich dieser Autor auf die brisanten Themen seiner Generation, die durch Krieg und Nachkriegsepoche geprägt war.<BR><BR>Er sei immer etwas schneller, böser und schärfer als das öffentliche Bewusstsein, konzidierte ihm die Kritik. Etliche seiner Werke wurden auch mit großem Erfolg verfilmt. Seinem Millionen-Publikum schien es, als ob Simmel gewissermaßen auf den Dauererfolg abonniert sei. Und doch wurde auch er von Krankheit und privaten Katastrophen heimgesucht und gezeichnet. Seine Bücher sind heute in fast vierzig Ländern übersetzt. Literarisch-ästhetische Vorbehalte gegenüber einem uvre, das seinesgleichen im deutschsprachigen Raum nicht kennt, sind längst zur Makulatur geworden.<BR><BR>Der Moralist Simmel ist in Wahrheit aber ein Pessimist, der Angst vor dem hat, was Menschen in dieser Welt anzurichten vermögen. Dennoch: Er schreibt für eine bessere Welt, so wie er sie sich vorstellt, eine humane, pazifistische Welt. Vielleicht ist er der letzte Autor einer moralischen Abenteuerliteratur, wie man sie als öffentliche Erzähler früher in fernen Weltgegenden kannte. Simmel schreibt gegen Not und Elend in der Welt. Dass ihm dies zwischen Märchen, Mord und Totschlag immer wieder zur brillanten Kolportage geriet, hat ihn nie gestört. Im Gegenteil: Er hat sich nicht geändert, blieb sich und seiner Art zu schreiben treu. Und das größte Lob, das ihn erreichen kann, ließe sich in dem Satz zusammenfassen: Langweilig war er nie. Morgen wird Johannes Mario Simmel 80 Jahre alt.<BR><BR>

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