+
Nach der Metamorphose ist kaum noch zu erkennen, dass unter Christian Schnurers „Argonaut Mathilda“ Gerippe und Motor eines Velorex stecken.

Dieser Oldtimer schwimmt über den Bosporus

München - Was rumpelt da über den Balkan, auf seinem Weg an die Grenze Europas? Der Münchner Künstler Christian Schnurer auf der Expedition „Argonaut Mathilda“. Er will über den Bosporus schwimmen.

Der Polizeichef von Istanbul und der Bürgermeister haben dem Hafenmeister am Bosporus ihren Wunsch schon deutlich gemacht. Wenn also ein ratterndes Gefährt, halb Schlauchboot, halb Auto mit Gummischläuchen an der Seite und einer Hupe auf dem Dach an der Meerenge ankommt, wird es wahrscheinlich auch zu Wasser gelassen.

In ihm hockt der Münchner Künstler Christian Schnurer, 39, der mit seinem Amphibien-Vehikel „Argonaut Mathilda“ die einzige deutlich sichtbare Grenze Europas überschreiten will: den Bosporus. „Es existieren so viele Grenzen in den Köpfen,“, sagt Schnurer, „die man mit Kunst überbrücken kann“.

So wurde der "Argonaut Mathilda" gebaut:

Auf der Homepage des Künstlers finden Sie eine Doku über das Projekt.

Wenn er denn ankommt. Sein Gefährt ist aus dem Gerippe einer tschechischen Velorex, Baujahr 1960, entstanden, vergleichbar mit einem Kabinenroller der Nachkriegsjahre. Schon im Handbuch des Oldtimers steht: Schade, dass der Velorex nicht völlig zuverlässig ist. Das Gehäuse des Oldtimers mit dem Zweitakt-Motor und den Seilzug-Bremsen ist weitgehend original, Schnurer hat ihm ein Schlauchboot übergeworfen, einen Außenborder und einen Kompass montiert. Prompt demonstrierte das Gefährt, dass es wirklich nicht so verlässlich ist, als Schnurer am Stadtmuseum vor der Presse den Zündschlüssel drehte. Kein Zischen, kein Brummen. Nichts. Erst als er mit seinem Spezl und Mechaniker Robert Bauerfeld und einer neuen Batterie unters Lenkrad kriecht, knurrt und donnert es. Die zwei Auspuffrohre schloten in den Spätsommerhimmel. Hupend düst Schnurer um die Synagoge.

Das hat etwas Körperliches, etwas deutlich Spürbares, und das gefällt dem Künstler Schnurer. „Ich will keine akademische Kunstdiskussion führen.“ Sein Publikum sind die Menschen, denen er mit seinem abenteuerlichen Vehikel begegnet – welches man bereits aus der Ferne kommen hört. Schon als es vor der Synagoge steht, zieht es Leute an, die amüsiert schauen, neugierig fragen und Fotos schießen.

Istanbul heißt das Ziel nicht nur, weil die Metropole eine der Kulturhauptstädte Europas ist. Schnurer war sofort dabei, als die Idee zu einem Istanbul-Projekt an ihn herangetragen wurde. „Dort sind verschiedene Traditionen deutlich sichtbar, die prägend für unseren Kulturkreis waren – die Antike, das Oströmische Reich und die Osmanen.“

Das Team geht voll Optimismus auf die Reise: „Bei so viel Wahnsinn, was soll man da noch falsch machen?“, fragt Mechaniker Bauerfeld. Seit einem guten Jahr tüfteln beide an dem Vehikel, ein Stadtrats-Stipendium für bildende Kunst machte es möglich – auch wenn Schnurer schon lange mit der Idee schwanger ging.

Die deutsch-türkische Stadträtin Inci Sieber taufte das Fahrzeug auf den Namen „Argonaut Mathilda“. Die Mathilda ist ein legendäres tschechisches Schlauchboot, und Jason und seine Argonauten jagen in der griechischen Mythologie auf ihrer blitzschnellen Argo übers Meer. Die Fahrt mit Schnurers Vehikel gestaltet sich dann doch gemächlicher. „Es schafft 80 Sachen. Über längere Strecken sollte man aber nur 65 fahren.“

Diesen Samstag soll es losgehen, von der Werkstatt am Kunstpark Ost soll der Weg erstmal Richtung Salzburg führen, dann durch Ljubljana, Belgrad und Sofia und, das wünscht er sich, entlang des Eisernen Tors an der Donau.

Mit den wichtigsten Ersatzteilen gondelt ihm sein Spezl Robert hinterher, in einem 508er-Mercedes-Bus aus den Sechzigern, ihrem rollenden Ersatzteillager. „Das Wichtigste sind: Draht, Klebeband und ein großer Hammer“, sagt Bauerfeld. Wenn sie Draht, Klebeband und Hammer nicht zu häufig brauchen, schaukelt Schnurer am 16. September, begleitet von Segelschiffen und einer Blaskapelle, über die einzig sichtbare Grenze Europas.

Kolja Kröger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Maler Karl Otto Götz ist tot
Er galt als Pionier der abstrakten Kunst der Nachkriegszeit: Karl Götz. Der Maler ist im Alter von 103 Jahren gestorben.
Maler Karl Otto Götz ist tot
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen

Kommentare