Premiere im Münchner Nationaltheater

Dieses ewige Palaver

Die Zweifel am Werk bleiben: Christian Stückl schlägt sich wacker, aber ohne großen Erfolg bei Pfitzners „Palestrina“

Es ist ein Stück fürs Seminar, eine Fundgrube für Musikwissenschaftler, die sich intensiv mit Stilistik, weniger mit bühnendramatischer Tauglichkeit auseinandersetzen. Warum Nikolaus Bachler, der Intendant der Bayerischen Staatsoper, in seiner ersten Saison ausgerechnet Hans Pfitzners sperrige Künstler-Oper „Palestrina“ präsentiert, das bleibt sein Geheimnis. Denn auch die von Simone Young dirigierte, von Volkstheater-Chef Christian Stückl inszenierte und von Stefan Hageneier ausgestattete Neuinszenierung fegte bei der Premiere im Nationaltheater die Zweifel am 1917 in München uraufgeführten Werk nicht hinweg.

So wie die Titelpartie unter ihrer Komponier-Blockade, so leidet die gesamte Oper unter den lähmenden Disputen ihrer Figuren. Ob im Hause des Meisters in Rom, ob beim Konzil in Trient, das ewige „Gerede“ (auch das Libretto stammt von Pfitzner) fesselt nicht. Ihm fehlen der dramatische Puls, die innere Spannung, auch der Witz, mit denen zum Beispiel Richard Wagner die ersten Akte von „Parsifal“ oder „Siegfried“ aufgeladen hat. Da hinkt Pfitzner trotz hörbarer Verehrung für den Bayreuther Musikdramatiker blutarm hinterher. Und das aller poppigen Optik, allem szenischen Aufwand dieser Neuinszenierung zum Trotz.

Daher hängt viel an der Überzeugungskraft der Musik. Sie wird gespeist aus der im Stück verhandelten Konfrontation des Alten mit dem Neuen, der Gregorianik mit dem mehrstimmigen Gesang und dem Ausblick auf florentinische Weltlichkeit und lässt dabei auch Kirchentonarten anklingen. Dirigentin Simone Young und das im Detail (Bratschen, tiefes Holz) klangschön, manchmal differenziert, oft opulent musizierende Staatsorchester weckten immer wieder das Interesse. Young, Chefin der Hamburgischen Staatsoper, steuerte gegen jedes Erlahmen an. Sie hielt die Musik in stetem Fließen, nutzte rhythmische Wechsel zur Lebendigkeit, „schmuggelte“ mit Beschleunigungen etwas Dramatik ins langatmige Palaver. Vor allem im ersten Akt, im Gespräch zwischen dem Studenten und dem Sohn Palestrinas, achtete Young auf orchestrale Transparenz. Im Konzilsakt trug sie dann etwas dick auf, ließ nicht nur die blechgepanzerten, von Glocken und Schlagwerk aufgewühlten Momente heftig krachen. Etwas mehr dynamischer Feinschliff, ein Ausloten auch ins Piano hätten den musikalischen Reiz erhöht. Dennoch wurden Dirigentin und Orchester am Ende heftig gefeiert. Die Sänger sowieso. Denn im Heer der Kardinäle, Bischöfe, Legaten, Patres gab es keine Schwachstelle. Eher einzelne Höhepunkte.

Den ersten setzte gleich zu Beginn Christiane Karg als Palestrinas Sohn Ighino. Sie entzückte mit innigem Silbersopran und bannte das Publikum mit ihrer eindringlichen Darstellung eines alten, zerquälten Kindes. Dagegen erschien Gabriela Scherers Silla (mit leichtem Mezzo) im Spiel arg betulich. Christopher Ventris sicherte sich als Titelfigur mit heldischem Timbre, ausgezeichneter Diktion und der intensiven Verzweiflung des schöpferischen Künstlers alle Sympathien.

Schillernd zwischen Kunstliebe und Machtgier zeichnete Falk Struckmann einen knallharten, zuletzt reuigen Borromeo, dies mit entsprechender Baritonkraft. Ohrenschmeichler Michael Volle kann singen, was er will – es ist stets ein Genuss, ihm zu lauschen. So auch als unerbittlicher Papst-Legat Morone. John Daszak imponierte als aalglatter, süffisanter Novagerio. Ein beeindruckendes Männer-Ensemble, in dem Frauen nur als Stimmen oder Erscheinungen auftauchen dürfen.

Regisseur Christian Stückl wollte dem Geschehen im Verein mit Hageneiers heftigem Farbenspiel auf die Sprünge helfen. Stückl schien – vermutlich wegen seiner Erfolge bei den Oberammergauer Passionsspielen und beim Salzburger „Jedermann“ – der Richtige für Pfitzners dramaturgisch knarzendes Hauptwerk. Er schlug sich wacker, aber ohne großen Erfolg.

Schwellköpfe und ein poppiger Christus

Zuweilen doppelte er gar nur die Musik und zeigt alles, was sich nicht wehrt: Giftgrüne, gefiederte Engel mit Nonnen-Hauben schweben herein. Die „verstaubten“ Meister machen jeder Geisterbahn Ehre. Palestrinas tote Frau und der Papst tragen karnevalistische Schwellköpfe und etliche Kardinäle im Konzilsakt grell-pinke Gewänder und Mitren. Andere trumpfen in Weiß (eigentlich dem Papst vorbehalten) oder Schwarz auf. In diesen Farben präsentiert sich auch die strenge, mit Freitreppe und Paravent ausgestattete Bühne. Zuletzt, bei der Huldigung des gemarterten (hier sterbenden) Palestrina, ziert sie ein Christus im Elend und in bunten Tönen.

Beim Tridentinischen Gezänk – Hans Pfitzners Kritik an den Machtspielen der römischen Kirche – nutzt Stückl jede Chance zur Karikierung, was vom Publikum mit Freude registriert wurde. Deshalb am Schluss wohl auch für ihn Applaus und Getrampel, das die heftigen Buhs übertönte.

Weitere Aufführungen:

23. und 28. 1., 1. und 8. 2., 10. und 14. 7.; Karten unter
Telefon 089/21 85 19 20.

von Gabriele Luster

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