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Regisseur Peter Baumgardt ist für „Die verkaufte Braut“ ans Münchner Gärtnerplatztheater zurückgekehrt.

„Dieses Miteinander ist großartig“

München - Regisseur Peter Baumgardt spricht über Bedrich Smetanas National-Oper „Die verkaufte Braut“, für die er ans Münchner Gärtnerplatztheater zurückkehrt.

„Der Kecal ist bei mir kein Buffo, der klappernd durchs Stück geistert“, verrät Regisseur Peter Baumgardt, dem die Figuren auf der Bühne als Menschen am Herzen liegen. Auch die in Bedrich Smetanas National-Oper „Die verkaufte Braut“. Die Neuinszenierung hat am Samstag Premiere im Staatstheater am Gärtnerplatz. Baumgardt erinnert sich noch an die beiden Vorgänger-Produktionen von Kurt Pscherer und Hellmuth Matiasek. „Das Stück war hier immer Chefsache“, lacht der Theatermann, der die „Braut“ eigentlich schon 1997, im letzten Jahr seiner Intendanz in Augsburg, eigenhändig erobern wollte, sie dann aber aus Termingründen seiner Oberspielleiterin überließ.

Jetzt, 14 Jahre später, ist es endlich so weit, er holt die Inszenierung nach, denn an seiner Liebe zur „Verkauften Braut“ hat sich bis heute nichts geändert. „Für mich ist Smetanas an der Spieloper orientiertes Werk trotz der vier großen Chor-Szenen ein Kammerspiel. Es geht darin um Menschen, die uns jeden Tag begegnen könnten, in denen wir uns wiederfinden können.“ Nicht von ungefähr wird im Stück viel parliert, und so entwickelt die Inszenierung auch die Duette – anders als bei einer Nummernoper – aus der Szene heraus. Der Regisseur will dem Zuschauer die unterschiedlichen Charaktere möglichst nahe bringen: „Da ist Hans, der in seinem Leben nicht viel geliebt wurde, aber schon viel gemeistert hat. Auch Wenzel ist bei uns kein Dorf-Depp. Er ist ein sensibler Mensch, den der mütterliche Erfolgsdruck zum Stottern bringt. Heiratsvermittler Kecal wurde irgendwann einmal sehr verletzt und spricht dem Hans gegenüber aus eigener Erfahrung. Und Marie ist kein Püppchen, sondern eine starke, junge Frau, die sich von gesellschaftlichen Regeln befreien möchte.“

Baumgardt recherchierte bei der Vorbereitung zum Stück, dass es in den 1980er- Jahren in Vorarlberg einen Bauern gab, der seine Tochter einem anderen Bauern gegen Vieh verkaufte und gerichtlich nicht bestraft wurde. „Gewisse Überlegungen zu einer günstigen Verheiratung der Kinder gibt es sicher hier und da immer noch.“ Dennoch will der Regisseur keine „sozialkritischen Tiefen aufmachen“, auch keinen moralischen Anspruch formulieren, sondern nur daran erinnern, „dass ein bisschen was von der Geschichte übrig geblieben ist“. Um ihr eine dramatische Stringenz zu geben, hat er das Duett Marie/Wenzel vom zweiten in den ersten Akt verpflanzt. „Dadurch kann ich diese Story zu Ende erzählen, und Wenzel richtet sein Auftrittslied direkt an Marie.“ Ansonsten hat der Gärtnerplatz-„Heimkehrer“ in seiner Regiefassung das altmodische „Ihr“ und „Euch“ gestrichen. Bei ihm dürfen sich Eltern und Kinder duzen.

Auch in seiner Inszenierung sorgt Baumgardt für Plausibilität: Die selbstständige Marie betreibt eine Milch-Bar – „einen Pilz, wie es ihn in den 50er-Jahren im Allgäu gab“. Das Geld dafür lieh Vater Krusina bei Wenzels Vater Micha. „Eine gewisse Abhängigkeit ist also im Spiel…“ Das gibt sich – trotz des Milch-Pilzes – eher zeitlos. „Denn die Gefühle, die Schwankungen, die Zweifel, die Tiefen und Untiefen stecken seit jeher und immer noch in den Menschen.“ Auch Bühnenbild und Kostüme legen sich nicht aufs Jahr fest. „Assoziationen sind natürlich möglich, und Wenzels Anzug könnte die Mutter gerade eben in einem Kaufhaus besorgt haben“, räumt der Regisseur ein.

Die beiden Tänze aus Smetanas seit ihrer Prager Uraufführung im Jahr 1866 geliebter National-Oper entfaltet Baumgardt aus der „Stimmung der Gesellschaft“ heraus: Die Polka erklingt beim sonntäglichen Picknick und der Furiant, wenn die Männer sich auf ein Schlückchen zurückziehen. Natürlich hat der Inszenator, wie am Gärtnerplatz üblich, mit zwei Besetzungen zu tun. Und auch mit beiden geprobt.

Er schwärmt von der Zusammenarbeit mit dem Ensemble, dem wunderbaren Chor und dem an der Szenerie durchaus interessierten Dirigenten Lukas Beikircher und gesteht: „Der Geist, der hier am Haus immer noch herrscht, dieses Miteinander sind großartig.“ Natürlich hat ihn, der von 1980 bis 1996 am Gärtnerplatz arbeitete, auch das Wiedersehen mit alten Kollegen bei den Sängern, den Technikern und Handwerkern gefreut.

Nach den Premieren für Erst- und Zweitbesetzung verabschiedet sich Peter Baumgardt Richtung Dreiländereck: Er ist designierter Intendant der Europäischen Wochen in Passau und startet dort im Juni/Juli 2012 mit seinem ersten Festival durch. Aber vielleicht kehrt er ja in ein paar Jahren – wenn er in Passau heimisch geworden ist – auch wieder einmal als Gast an den Münchner Gärtnerplatz zurück.

Gabriele Luster

Premiere:

Samstag, 19 Uhr, Gärtnerplatztheater. Zweite Besetzung, Dienstag, 11. Oktober, 19.30 Uhr; Karten unter Telefon 089/ 21 85 19 60.

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