Dieses unbändige Leuchten der Landschaften

- Eigentlich ist es doch ziemlich unwahrscheinlich, dass gerade das berühmte deutsche Malererbe, der Expressionismus, immer wieder Neues preisgibt. Kaum ein Atemzug des Blauen Reiters, der nicht dokumentiert ist. Und doch: Jetzt wartet das Schlossmuseum Murnau mit einer ansehnlichen Privatsammlung auf, die so noch nie komplett gezeigt wurde und die Bestände bestens ergänzt. Von Wassily Kandinsky über Lionel Feininger bis zu Emil Nolde ist hier alles vertreten, was die Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts revolutionierte.

Bestechend heute wie damals: ein unbändiges Leuchten der Landschaften, eine verschlüsselte Sprache der Formen, ein Bestreben, die Welt neu zu fassen.

Schon bei den frühen Holzschnitten Kandinskys und Gabriele Münters machen sich die Zeichen der Zeit als Betonung der Linie und der Fläche bemerkbar. Dann bricht die Farbe förmlich aus Münter heraus: "Gegen Abend" (1909) glüht die Voralpenlandschaft, königsblau zeichnen sich Herzogstand und Heimgarten ab. Wenig später, im Schnee, beherrscht Lilablau und ein zartes Sonnengelb die packende Kulisse. Kandinsky geht in etwa zur gleichen Zeit dazu über, die Murnauer Gegend freier, gekippt, großzügig zu malen. Sein "Weiterweg" in die Abstraktion wird mit bewegten Kompositionen voll Klang und Assoziation aus den Jahren 1916 und '23 belegt.

1911 verschrieb sich Alexej Jawlensky einem wild gescheckten Porträt, das Farbe und Fläche, letztlich Emotion pur ist. Zwei Jahre später beobachtet August Macke die Betriebsamkeit vor einem Hutladen oder unter Arkaden (1913) und bringt mit kubischem Bildaufbau und Transparenz von Figur und Farbe eine neue Räumlichkeit ins Spiel.

Einen spannenden Vergleich liefert Feininger: 1912 erinnert die Promenade noch an die Karikatur, schrauben sich Spaziergänger kantig und gedrechselt in den grünen Grund. Die "Brücke 0" windet sich kristallin in die Stadt, aus der vier Jahre später eine mondlichtbeschienene Visionen wird.

Als Kontrast zu diesen stringenten Entwicklungen hat der süddeutsche Privatsammler auch einen Schwerpunkt bei Paul Klee gesetzt. Von der Entdeckung der Farbe in Tunis über die dichten Landschaftsrhythmen ab 1917 bis hin zu den zarten Linien der 20er-Jahre reicht die Palette. Der "Gute Fischplatz" (1922) in Wasserblau beherbergt fabelhafte Schwimmwesen. Der "Berg der heiligen Katze" (1923) - ein Höhepunkt aus Poesie in Fläche und Linie. Gleichzeitig zerstückelt Klee auch seine Bilder, haucht der "Schicksals-Stunde des Kaisers" eine hintergründige Zerrissenheit ein. Auch hier ist noch ein Ausblick auf das freie, hieroglyphenartige Spätwerk gestattet.

Der letzte Saal konfrontiert mit der Liga aus dem Norden, der Künstlergemeinschaft "Die Brücke". Glühend, monumental zugleich Max Pechsteins "Abend in der Düne" (1911). Der Dekorative lässt seine Tänzerin 1923 kokett über Männerköpfe hinwegschweben, während Ernst Ludwig Kirchner seiner exotischen Ballerina (1912) mit gewundenem Leib die Absätze als Waffe gibt. Ihrem Stakkato liegt der Herr schmerzhaft zu Füßen.

Daneben das große Leuchten: Karl Schmidt-Rottluffs "Weißes Haus" (1910) in Farbenpracht und Emil Noldes weichrunde "Indische Tänzerin" (1917) in sehnsuchtsvollen Tönen. Fast schließt sich da als Ausblick Max Beckmanns "Reise" (1944) an - auch im Sinne einer tiefgründigen Aussage zu persönlichen Brüchen und Abschieden aus der Frühzeit der europäischen beziehungsweise deutschen Moderne.

Bis 5. November, Katalog: 19 Euro. Tel. 08841/ 47 62 07.

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