+
Terminkollisionen am ungeliebten Ort: Marstall-Fan Mariss Jansons und das BR-Symphonieorchester glauben nicht, dass man sich mit den Philharmonikern den Gasteig teilen kann.

„Diesmal auf die Musiker hören“

Gasteig-Geschäftsführerin Brigitte von Welser über den geplanten Umbau der Philharmonie

Bis Mitte des Jahres soll ein Modell für eine umgebaute Münchner Philharmonie vorgestellt werden. Das hofft jedenfalls Brigitte von Welser, Geschäftsführerin des Gasteig. Durch die Debatte um einen Marstall-Konzertsaal für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wurde die Stadt aufgeschreckt. Ihre Strategie nun: Der BR und die Münchner Philharmoniker könnten doch in einer akustisch und baulich runderneuerten Philharmonie unterkommen. Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) hat in der Sache bereits einen werbenden Brief an Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) geschrieben. Das BR-Symphonieorchester verfolgt unterdessen weiterhin das Projekt eines eigenen Saales.

Mit gut 80 Millionen Euro rechnet Brigitte von Welser beim Gasteig-Umbau.

-Kann die Philharmonie zwei Orchestern eine Heimat bieten?
Da kann ich im Moment nur theoretisch antworten. Wir haben eine Saison mit Proben und Konzerten beider Orchester simulieren und durchrechnen lassen. Es müsste möglich sein und wird ja an anderen Häusern auch praktiziert. Aber es gibt Notwendigkeiten und Befindlichkeiten, die eine lange Tradition haben – bei beiden Orchestern. Deswegen werden wir uns in der nächsten Zeit mit den Akteuren zusammensetzen und herausfinden, welche Bedingungen tragbar sind. Die Musiker müssen einfach das Gefühl bekommen: Diesmal wird bei der Philharmonie-Planung auf sie gehört. Auch wenn auf der einen oder anderen Seite mal in der Planung Rücksicht genommen werden muss auf die Gesamtsituation. Die Philharmonie soll ja weiter – schon allein aus wirtschaftlichen Gründen – so oft und so interessant wie möglich bespielt werden.

-Das bedeutet, dass die Philharmoniker Abstriche machen müssen?
Ja. Das Erstbelegungsrecht für dieses Orchester kann es dann wohl nicht mehr geben. Die Termine werden lange im Voraus gemeinschaftlich verhandelt werden müssen. Mal müssen die einen flexibler sein, dann die anderen.

-Gäbe es im Gasteig Platz für einen BR-Trakt?
Am liebsten wäre es uns, wenn wir dauerhaft durch einen Anbau Platz schaffen könnten. Pläne dafür gibt es bereits. Aber weil die Garderobensituation für das BR-Symphonieorchester wirklich nicht sehr erträglich ist, versuchen wir, mit der Hochschule für Musik und Theater, die ja gerade die Räume des früheren Richard-Strauss-Konservatoriums bei uns übernommen hat, herauszufinden, ob es Übergangslösungen geben könnte.

-Es waren bereits Akustiker hier. Kann die Philharmonie auf ein international konkurrenzfähiges Niveau gebracht werden?
Wir haben fünf international agierende Akustiker gefragt, und alle können es sich vorstellen – allerdings nicht mit simplen Maßnahmen. Uns hilft, dass durch die ursprüngliche Grundkonzeption Voraussetzungen geschaffen wurden, den Saal abzuteilen und damit den Raum zu verdichten. Allerdings muss man bedenken, dass von beiden Orchestern und anderen Konzertveranstaltern gefordert wird, dass durch eine Sanierung möglichst wenig Sitzplatzkapazität verloren geht. Die Akustiker meinen ohnehin, dass die jetzige Anordnung der Sitzreihen nicht optimal ist. Man wird also auch im verkleinerten Raum durch zusätzliche Einbauten Lösungen finden.

-Entscheidend ist aber wohl die Situation auf dem Podium...
Das stimmt! Die Instrumentengruppen können sich gegenseitig und untereinander nicht gut genug hören. Da muss ganz gezielt daran gearbeitet werden! Für die Sanierung sind aber auch noch andere Faktoren wichtig: Unser Publikum, und hier gerade manch älterer Besucher, beklagt die Beschwerlichkeiten bei der Zugänglichkeit des Saals und die Treppenführungen im Saal. Auch das muss Beachtung finden.

-Heißt das unterm Strich Umbau oder Entkernung des Saals?
Die Sanierungsmaßnahmen umfassen ja auch die Anlagen im Bau und technische Gewerke wie zum Beispiel Lüftung und Heizung. Das heißt, dass ohnehin nicht beim Boden Halt gemacht und vieles bis auf die Betonkonstruktion wieder zurückgebaut wird. -Wie lange würde das dauern? Eineinhalb Jahre sind ehrgeizig, zwei eher wahrscheinlich.

-Sollten beide Orchester mit ihren Probenphasen unterkommen, hätten andere Mieter keinen Platz mehr. Das heißt, Sie haben Einnahmeausfälle, weil kommerzielle Privatveranstalter verdrängt werden.
Proben bedeuten im Allgemeinen: Der Saal ist tagsüber belegt, und abends kann eine öffentliche Veranstaltung gefahren werden. Wenn der Saal wie vorgesehen auf mehr klassische Konzerte ausgelegt ist, fallen die aufwändigen Umbauten zwischen Klassikproben und U-Musik-Konzerten weg, das erleichtert uns die Abendbelegung. Bei einer Ausrichtung des Programms auf klassische Konzerte können wir unter Umständen sogar ein leichtes Einnahmeplus verzeichnen. Vorausgesetzt, es bleibt bei der augenblicklichen Nachfrage an Klassikterminen, und die Kongressveranstaltungen können zwischen die Orchester-Spielzeiten geschoben werden.

-Der Architekt Stephan Braunfels hat sich kürzlich aus dem Fenster gelehnt und gemeint, für 100 bis 120 Millionen könne man einen Marstall-Saal bauen. Für wie viel Geld bekommt man eine runderneuerte Philharmonie?
Im jetzigen Stadium ist das natürlich ein bisschen Kaffeesatz-Leserei. Aber nach den ersten Schätzungen rechnet man mit etwa 80 Millionen. Doch auch wenn es 100 werden: Bedenken Sie, dass mit der umgebauten und optimierten Philharmonie und ohne einen zusätzlichen Marstall-Saal auch weiterhin nur einmalige Betriebskosten anfallen. Künftige Generationen werden also nicht doppelt belastet – das ist doch ein Pfund, mit dem man wuchern kann.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„José Carreras Gala“: Bub aus Bayern wirbt auf Plakat  für Benefizaktion 
Einen langen Weg hat Lucas Schmaderer hinter sich – durch die Hilfe von José Carreras’ Stiftung und der Universitätsklinik Regensburg geht es dem Bub nach seiner …
„José Carreras Gala“: Bub aus Bayern wirbt auf Plakat  für Benefizaktion 
Das Literaturhaus zieht ins Boxwerk
Mit „Das Leben des Vernon Subutex“ hat die Autorin und Regisseurin Virginie Despentes einen wilden, erhellenden und komischen Roman über die französische Gesellschaft …
Das Literaturhaus zieht ins Boxwerk
Samsationell – Paul Maar wird 80!
Heute feiert Paul Maar seinen 80. Geburtstag. Wir haben den Kinderbuchautor und Erfinder des „Sams“ in seiner Wahlheimat Bamberg besucht. 
Samsationell – Paul Maar wird 80!
Andreas Beck wird Resi-Chef
Bayerns Kunstminister Ludwig Spaenle stellte Andreas Beck als neuen Intendanten des Bayerischen Staatsschauspiels vor. Der 52-Jährige folgt auf Martin Kušej, der München …
Andreas Beck wird Resi-Chef

Kommentare