Regisseur und Intendant Dieter Dorns  steht in einem Bühnenbild und wirft einen Schatten. Aus dem  herauszutreten – das ist für seine Nachfolger und Nachfolgerinnen in München extrem schwer.
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Aus Dieter Dorns Schatten herauszutreten – das ist für seine Nachfolger und Nachfolgerinnen in München extrem schwer.

Würdigung

Dieter Dorn - Theatergott wird 85

  • vonSabine Dultz
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Der große Münchner Regisseur und Intendant Dieter Dorn wird 85 Jahre alt. Er prägte über Jahrzehnte die Münchner Kammerspiele, dann zehn Jahre das Bayerische Staatsschauspiel.

Man wird alt. Zusammen. Eine Tatsache, die man sich nicht gern vergegenwärtigt. Vor ein paar Jahren erzählte Dieter Dorn, dass er sich jedes Mal gewundert habe, wenn ihn Menschen auf der Straße angesprochen hätten, begeisterte Kammerspiele- oder Residenztheater-Besucher von einst, schwelgend in seliger Erinnerung an unwiederbringlichen Theaterabend. Gewundert habe er sich darüber, dass diese Menschen alle recht alt waren. Bis ihm dann bewusst wurde, dass er und sie der gleichen Generation angehörten. Zusammen habe man sich vor gut vier Jahrzehnten aufgemacht, den Theaterweg gemeinsam zu gehen, die Kunst des Schauspiels und manchmal auch der Oper zu erforschen.

Nein, jung sind sie nicht mehr, der Theatermacher und sein Publikum. Auch nicht die Schauspieler, die 1976 mit ihm an den Münchner Kammerspielen in eine Ära starteten, die 25 Jahre lang von unglaublichem Erfolg gekrönt werden sollte. Und die nach diesem Vierteljahrhundert ab 2001 mit Dorn für zehn Jahre ans Bayerische Staatsschauspiel wechselten. Der Auftakt an den Kammerspielen war Lessings „Minna von Barnhelm“ mit Cornelia Froboess und Helmut Griem, Lambert Hamel und Claus Eberth. Als Einstieg am Residenztheater stand Shakespeares „Kaufmann von Venedig“mit Rolf Boysen und Thomas Holtzmann. Zum Abschied an beiden Häusern hatte Dorn jeweils ein Stück  von Heinrich von Kleist gewählt: „Amphitryon“ (2000) mit Jens Harzer, Michael  Maertens  und Sibylle Canonica sowie „Das Käthchen von Heilbronn“ (2011) mit der ganzen „gemischten Raubtiergruppe“, wie Dorn seine wunderbaren Schauspieler gerne nannte, und mit ihm selbst als Kaiser. In den 35 Spielzeiten dazwischen die legendären Shakespeare-Inszenierungen, darunter „Troilus und Cressida“ mit Tobias Moretti und Sunnyi Melles oder „König Lear“ mit Rolf Boysen, Thomas Holtzman und Heinz Bennent, die grandiosen Botho-Strauß-Stücke, Goethes „Faust“, Thomas Bernhards „Der Schein trügt“ oder Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“.

Dieter Dorn arbeitete mit Schauspielgrößen wie Cornelia Froboess, Jens Harzer und Sunnyi Melles

Die damals Jungen sind älter und alt geworden, und nicht wenige haben die Lebensbühne längst verlassen. „Wir inszenieren den Tod, wir spielen das Sterben, mal besser, mal schlechter, aber alle ästhetischen Kriterien der Kunst versagen vor der Wirklichkeit. Ich will es gar nicht wahrhaben, dass so viele Schauspieler, die mich mein Leben lang begleitet haben oder denen ich einfach so sehr verbunden war, nicht mehr leben. Mir ist, als seien sie noch immer um mich“, schrieb Dorn in seiner Autobiografie „Spielt weiter!“ (Verlag C. H. Beck) und gedachte dabei besonders Gisela Steins, der Protagonistin bereits seines ersten großen Regie-Erfolgs „Der Menschenfreund“ 1971 am Hamburger Schauspielhaus.

Wer Dieter Dorn, den gebürtigen Leipziger, der an diesem Samstag 85 Jahre alt wird, durch Schwabing radeln sieht oder wer am Telefon seine jung klingende Stimme hört, wer zurückdenkt an Wagners „Ring“ 2014 in Genf oder an die „Così fan tutte“-Inszenierung von 1993, die sich nach wie vor im Programm der Bayerischen Staatsoper befindet, wer den Jubilar erlebt in der intellektuellen Auseinandersetzung mit den aktuellen Strömungen des gegenwärtigen Theaters und dabei Zeuge wird seiner ironisch-witzigen bis sarkastischen Seitenhiebe auf den Kulturbetrieb, für den hat die 85, dieses Ausrufezeichen eines lang währenden Lebens, ihren Schrecken verloren. In seiner Askese agil, in seinem Charme ungebrochen, in seiner selbstbewussten Bescheidenheit und Distanziertheit Respekt einflößend: Das ist der Mann, der am liebsten auf Kreta lebt, den Göttern ganz nah, dem Mythos verfallen, ein bisschen zumindest.

Viele von Dieter Dorns Inszenierungen haben zeitlose Gültigkeit erlangt

Man fragt sich: Hat Dorn sich überlebt? Theater ist eine Kurzzeit-Kunst. Die junge Generation der Zuschauer kann seine Inszenierungen kaum kennen, weiß nicht, dass sich die Menschen an der Vorverkaufskasse der Kammerspiele fast geprügelt haben um die Karten. Schleicht sich Wehmut ein in die Geburtstagseloge? Wird ein Trauerband geschlungen um die vergangenen Theaterjahre, diese verlorene Zeit? „Wir stehen unter der Herrschaft der Zeit und leiden auch daran. Doch das ist nicht alles. Das Wunderbare ist nämlich, dass wir mit ihr auch spielen können, als seien wir Herr über sie.“ So schreibt Rüdiger Safranski in seinem Buch „Zeit“. Durch die Kunst – Dichtung, Sprache, Spiel – kommt etwas in die Welt, „was längst vorbei ist oder was noch aussteht, was es nie gegeben hat oder was es nie geben wird, das Mögliche und das Unmögliche, das Stimmige und das Unsinnige, kurz, alles, was es nirgends sonst gibt als in der Vorstellung“. In den besten Momenten mancher Dorn-Inszenierungen war dieser nicht fassbare Kosmos der Zeit, vielleicht sogar der Ewigkeit zu spüren. Das ist wohl das, was Dorn im Spiel der Schauspieler die zweite und dritte Ebene nennt.

Das Theater, sagt er, „ist ein sehr kostbares Instrument, das uns die Gesellschaft zur Verfügung stellt. Es erlaubt uns, die Grenzerfahrungen des Lebens modellhaft durchzuspielen und das durchaus auch stellvertretend für die Zuschauer.“ Nein, das überlebt sich nicht. Das ist sein, das ist der immer gültige Anspruch an die Kunst.

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