1860 trauert um „Atom-Otto“

1860 trauert um „Atom-Otto“
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Zwei begnadete Spieler in einem Raum, der wie ein schäbiges Museum wirkt: Nicholas Ofczarek (li.) als Hamm und Michael Maertens (Clov).

Festspielkritik

Die Endspieler von Salzburg

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Salzburg - Dieter Dorn inszenierte im Landestheater Samuel Becketts „Endspiel“ mit Nicholas Ofczarek und Michael Maertens. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Die Münchner im Publikum des Salzburger Landestheaters fühlten sich beim begeisterten Schlussapplaus zurückversetzt in die glorreichen Zeiten von Kammerspielen und Staatsschauspiel. Da war es wieder zu sehen, das Dreigestirn, das jahrzehntelang die Münchner Theaterszene geprägt und auf Spitzenniveau gehoben hatte: Regisseur Dieter Dorn, sein Leib-und-Magen-Ausstatter Jürgen Rose und seine Dramaturgie-Stütze Hans-Joachim Ruckhäberle. Gelassen und bescheiden holten sie sich den Beifall der Festspiel-Gäste ab. Die waren höchst animiert den zweieinviertel Stunden gefolgt trotz Hitze, Enge, unfassbar knarzender Bestuhlung, ja, und trotz eines Stücks, das den Weltuntergang verhandelt. Oder noch schlimmer: das endlose Dahinsiechen.

"Endspiel" ist eine Koproduktion mit der Wiener Burg

Samuel Becketts „Endspiel“, eine Koproduktion mit dem Burgtheater Wien, war am Samstagabend die erste Theaterpremiere der diesjährigen Salzburger Festspiele. Die Burg bot ihre beiden männlichen Topstars Nicholas Ofczarek (als Hamm) und Michael Maertens (als Clov), der schon in München mit Dorn zusammengearbeitet hatte, auf. Selbst die kleinen Rollen der Eltern Hamms, Nell und Nagg, sind mit Barbara Petritsch und Joachim Bißmeier luxuriös besetzt. Das oft als altmodisch verhöhnte Theater zeigte also, was es kann. Und siehe da, es kann alles. Weil es genau hinhört und nachdenkt, ist es aktuell. Weil seine Protagonisten sich nicht selbst als Zeitgeist-Aufwirbler in den Vordergrund drängen, ist es noch aktueller. Das liegt naturgemäß an dem phänomenalen Werk von Beckett (1906 – 1989), das 1957 im Londoner Royal Court Theatre in französischer Sprache („Fin de partie“) uraufgeführt wurde. Übrigens hat der Dichter es selbst zehn Jahre später in Berlin (auf Deutsch) inszeniert. Schon solch Äußerlichkeiten zeigen, dass es bei aller Weltgültigkeit ein durch und durch europäisches Drama ist. Gerade in der augenblicklichen Situation der giftig aufquellenden Nationalismen greift es einem heftig an Herz und Hirn.

Dieter Dorn vermeidet es dennoch, diese Ebene platt zu verstärken. Er und sein Team wissen, dass die Wirkung sehr viel größer ist, wenn der Geist des Zuschauers nicht auf irgendwelche Gleise gesetzt wird. Deswegen lehnte Beckett selbst Interpretationen ab beziehungsweise ließ alle zu. Und da gibt es eine erstaunliche Menge. Zusammen sind alle richtig. Den einen Weg gibt es nicht.

Jürgen Roses Bühne wirkt wie ein schäbiges Museum

Um die vielen Wege aufzuzeigen, baute Jürgen Rose einen der von ihm so geliebten Bühnenkästen. Wie der Raum eines schäbigen Museums wirkt er, als der Vorhang aufgeht. Skulpturen, von weißen Tüchern verhüllt, stehen herum. Diese „Bühne“ fährt nun vor in den Zuschauerraum und fast heraus aus der realen Bühne. Der „Museumwärter“ Clov zieht die Decken weg von den beiden Wohn-Aschentonnen der Eltern und dem auf einem barocken Theaterthron sitzenden, blinden und gelähmten Herrscher Hamm. Clov, der Diener und heimliche Herrscher, wird die Figuren zum Leben, zum Spiel, zum Endspiel erwecken. Und das beginnt mit: „Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende.“

Beckett betont von Anfang an, dass es ums (Theater-) Spielen geht. Und ums Leben. Und ums Nichts. Und „vielleicht“ fallen diese drei in eins. Roses Meta-Bühne erzählt davon. Dorn in seiner Inszenierung, die nur subkutan zu spüren ist, treibt die Schauspieler unnachgiebig in diese extrem schwere Luftnummer. Sie schweben zwischen Komik bis zum Uralt-Slapstick und der totalen Trostlosigkeit der Herzenskälte und Sinnentleerung, immer in der Gefahr, in den Abgrund der Banalität abzustürzen. Der Regisseur hält sie. Mit anmutiger Selbstverständlichkeit gelingt Petritsch und Bißmeier die Aufgabe. In ihren Miniaturen porträtieren sie ganze Menschen: die Zärtlichkeit und den Egoismus, den Lebenswillen und das gerade in der glücklichen Erinnerung willige Gleiten in den Tod.

Maertens und Ofczarek sind (bei der Premiere) deutlich angespannter. Sie sind sich ihrer Verantwortung bewusst, dass bei Beckett jedes Wort, jede Phrase und Pause zählt. Jeder Satz ist ein Schwergewicht und Spielgeld zugleich. Die nötige Lockerheit ist noch nicht da. Dieter Dorn gibt beiden jedoch Sicherheit und Freiraum, indem er etwa Maertens’ Neigung zum Übertreiben zügelt, aber ihn und Ofczarek erkennbar Burgtheater-Stars und begnadete Spieler sein lässt.

Clov erinnert an Karl Valentin

So begegnet uns in Maertens eine Mischung aus Komikphilosoph Valentin und dem Butler aus „Dinner for one“. Ofczarek hingegen ist der gefesselte Spielmacher, der mit Sammetsound, Erzählerton oder Gebrüll das Leben weitertreibt: „Es geht voran.“ Besonders schön ist das, wenn ihnen Dorn zärtliche Gesten schenkt. Wenn die Köpfe sekundenkurz aneinanderruhen oder die Finger sich berühren wie bei Michelangelos Gott und Adam in der Sixtina. Das Endspiel der Schöpfer mit einem Hauch Hoffnung.

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