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Beobachtet von Todesboten und vor einem zerbrochenen Spiegel schaut Violetta (Sonya Yoncheva) auf ihr Leben zurück.

Premierenkritik

Der Welt abhanden gekommen: So sieht Dieter Dorn Verdis "La traviata"

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Berlin - Dieter Dorn inszenierte Giuseppe Verdis „La traviata“ an seiner alten Wirkungsstätte, im Berliner Schillertheater. Unsere Premierenkritik:

Schwarz war sie, die Mähne, nicht weiß wie heute, aber ebenso dicht. Allerdings mutmaßlich kaum unter dem Einfluss solch betonierender Zusätze – damals, als Dieter Dorn fast täglich im Berliner Schillertheater saß. Nicht nur, um von seinem Mentor Hans Lietzau zu lernen, sondern auch, um die Geschicke des Hauses von 1972 bis 1975 als Spielleiter mitzubestimmen. Kurz danach zog es Dorn gen Süden, der Rest ist Münchner Theatergeschichte. Eine Art Heimkehr also, dies allerdings im anderen Genre. Wenn Daniel Barenboim rufe, könne man doch unmöglich ablehnen, sagte (sich) der Intendantus emeritus im Vorfeld – deshalb also nun Giuseppe Verdis „La traviata“ im Ausweichquartier der Berliner Staatsoper. Ohne Jürgen Rose freilich, dessen Bühnenwürfel, kostbare Stoffe und kunstvoll auf alt gezimmerte Szenerie. Man vermisste seinen Geschmack.

Wer Dorn holt, lässt sich das Theater-Rad nicht neu erfinden

Dorns Puzzelei, das Umdrehen jedes Worts, das Erfühlen und Herstellen der richtigen Szenetemperatur, all das sperrt sich ja eigentlich gegen die Kunstfabrik Oper. Das funktioniert am Schauspiel, wo man monatelang an einer Produktion fummelt – oder an Musiktheatern, die (mindestens) sechs Wochen lang ein auf sich und den Regisseur eingeschworenes Ensemble bieten. In Genf, bei Wagners „Ring“, ist sehr viel aufgegangen. Jetzt, in Berlin, bleiben einige Leerstellen, erst recht, wenn die heftig gepuschte Jung-Diva nicht immer zur Verfügung steht.

Wer Dieter Dorn holt, lässt sich das Theater-Rad nicht neu erfinden. Dass aber ein ungetrübter Einblick in die Beziehungskraftfelder möglich ist, ein Formen der Charaktere unter Einbeziehung der Sängertypen, ohne ihre Eigenheit und Körperlichkeit bloßzustellen, dies ist der Mehrwert, den der Zuschauer daraus zieht. Was wir also sehen: Diva trifft verstörten Liebhaber mit Hang zum Angstbeißer, der in seinem tumb-verkniffenen Wesen ein echter Sohn des Papas ist. Was wir nicht sehen: überzogene Sozialkritik oder Hüsteleien einer Sopranistin, die mühevoll und immer etwas peinlich Schwindsucht spielt.

Diese Violetta ist nicht krank, sondern anders. Die Handlung erlebt sie aus surrealer Rückschau. Vor einem spinnwebartig gebrochenem Spiegel, auf dem ein Sack hängt, aus dem zwei pausenlose Stunden Uhrzeitsand rieselt – und hinter dem immer wieder eine Fratze erscheint. Ein kleiner Theatercoup: Es sind Tänzer, die sich immer wieder zum Totenkopf formen. Und am Ende, als gerade alle so inniglich äußerlich mit Trauerarbeit beschäftigt sind, ist Violetta einfach weg, der Welt, in der sie nie richtig passte, abhanden gekommen.

Was dieses Umfeld von ihr verlangte, den Verzicht auf den womöglich ersten Mann, mit dem tiefe Liebe möglich ist, dieser Wendepunkt ist der intensivste Moment der Aufführung, die von Joanna Piestrzy´nska spartanisch-zweckmäßig ausgestattet wurde. Die Begegnung mit Alfredos Vater, seine im Herzen widerwillige Bitte um Verzicht ist eine jener typischen Dorn-Choreografien, intensiv, doppelbödig. Und am besten glücken, ein Paradox, zwei Nebenrollen: Katharina Kammerloher als strenge, um Fassung ringende Annina und Jan Martiník, dessen Doktor-Grenvil-Bärchen aus einer Komödie herübergetapst scheint.

Daniel Barenboim geht in die Vollen

Alfredo ist hier kein Latin Lover, sondern einer, der wohl immer ein überforderter, scheiternder Glücksucher bleiben wird. Dazu passt, dass Abdellah Lasri kein Tenorprotz ist, sondern von der feinfühligen Front. Es gibt also viel Verhaltenes – und eine Indisposition gepaart mit Angst und ungehörigen Buhs. Am Anfang der Karriere ist auch Simone Piazzola. Die Giorgio-Arie kostet er aus, was der gut durchgebildeten, sonoren Stimme fehlt, ist noch Weite und Raum, jene so typische offene baritonale Grandezza. Sonya Yoncheva gestaltet die Violetta mit dem (Selbst-)Bewusstsein des Stars. Fast alles steht ihr zur Verfügung, ob Verzierungen, große Töne, tragfähiges Piano oder ausladende Phrasen. Dass die Stimme schon ins Flackern driftet, in ein monochromes, überreiztes Singen, sollte ihr, dem Riesentalent, Alarmzeichen sein.

Im Graben geht Barenboim in die Vollen. Eine extremistische Deutung. Trockene, im Dreivierteltakt immer leicht verschobene Rhythmik, scharfkantiges Brio, aber eben auch hauchfeinzarte Streicherklangnetze, in der sich Violettas letzte Atemzüge (wenn man sie schon nicht sieht) in der Musik manifestieren. Im Klarinettensolo des dritten Akts bremst Barenboim das Geschehen auf Zeitstillstand ab. Die Berliner Staatskapelle liefert dazu eine Präzision, die sich nur aus der jahrzehntelangen Symbiose mit ihrem ewigen Chef erklären lässt. Vieles verblüfft, anderes ist geboren aus der Haltung des Hauptstadt-Ensembles: alle mal herhören, was wir Tolles aus der „Traviata“ herausholen können. Gerade deshalb driftet die Aufführung auf aparte Weise auseinander. Der Bauchkünstler und der Gentleman – zwei Altmeister, die einfach nicht zusammenpassen.

Karten unter Telefon 030/ 20 35 45 55.

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