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Theaterintendant, Schauspieler, Komiker und Kabarettist: Dieter Hallervorden.

Schauspieler im Interview

Hallervorden: "Ich habe einen langen Atem"

München - Dieter Hallervorden sprach mit unserer Zeitung über seinen neuen Film „Sein letztes Rennen“, das Schlosspark Theater und den Tod Dirk Bachs.

Er ist vielleicht der deutsche Schauspieler, der am meisten unterschätzt wird: Dieter Hallervorden, 78, wurde ab Mitte der Siebzigerjahre als Fernsehkomiker und mit der Kunstfigur „Didi“ bekannt. Doch Hallervorden kann auch ernsthaft, wie er jetzt in seinem Film „Sein letztes Rennen“ zeigt, der heute anläuft (siehe Kritik Seite 19). Hier spielt er den ehemaligen Marathonläufer Paul Averhoff, der – obwohl er im Altenheim lebt – dennoch seinen großen Traum verwirklichen will. In unserem Gespräch verrät Hallervorden, was die Filmfigur und er gemeinsam haben – und warum er manchmal die Ausdauer eines Marathonläufers braucht.

Ist „Sein letztes Rennen“ auch ein Sprint weg von der Didi-Figur, die noch immer viele Menschen mit Ihnen verbinden?

Wenn man eine Spur von Intelligenz hat, merkt man beim Lesen des Drehbuchs dieses Films, dass da mit Didi-esken Mitteln, also mit Nonsens oder körperbetonter Komik, nichts zu holen ist. Es ist ein großer Unterschied, ob man das Zwerchfell bedient oder ob man ans Herz der Zuschauer will. Insofern war mir klar, dass ich hier als Charakterdarsteller gefragt bin.

Hat Sie das am meisten gereizt, die Möglichkeit, eine andere Facette von sich zeigen zu können?

Ich habe bereits beim ersten Lesen kapiert, dass die Figur, die ich spiele, ziemlich wesensgleich ist mit meiner Person. Paul Averhoff sagt im Film: „Wer stehen bleibt, hat schon verloren.“ Mein Lebensmotto ist: „Mindestens ein Mal mehr aufstehen als hinfallen.“ Ich bin jemand, der nie aufgegeben hat, der seinen Kampf durchgefochten und Rückgrat bewiesen hat. Wie Paul Averhoff, der sich weigert, seinen letzten Lebensabschnitt fremdbestimmen zu lassen.

Averhoff trainiert für den Berlin-Marathon. Das bringt mich zu einem anderen Aspekt Ihrer Arbeit: Brauchen Sie als Leiter des Berliner Schlosspark Theaters auch die Ausdauer eines Marathonläufers?

Dieses Theater ist mein Herzensprojekt, das ich vor vier Jahren mit eigenen Mitteln aus seinem Dornröschenschlaf erweckt habe. Ich habe immer behauptet, eine große Liebe zum Theater zu haben – und diese Liebe macht sich unter anderem daran fest: Ich habe zwei Theater (neben dem Schlosspark Theater die Berliner Kabarettbühne „Die Wühlmäuse“; Anm. d. Red.) unter Beachtung sämtlicher Denkmalschutzauflagen auf eigene Kosten restauriert. Zum anderen leiste ich meine Arbeit im Schlosspark Theater seit Anbeginn unentgeltlich, das heißt, ich kriege weder als Intendant noch als Dramaturg noch als Schauspieler Gage.

Ihre vielleicht schwerste Zeit als Intendant hatte Sie im vergangenen Jahr, als Ihr Hauptdarsteller Dirk Bach kurz vor der Premiere von „Der kleine König Dezember“ verstarb...

Das nimmt einen emotional enorm mit, wenn ein junger Mensch, Dirk Bach war damals 51, einem plötzlich von der Seite gerissen wird. Natürlich war es auch geschäftlich ein schwerer Rückschlag, weil wir zeitweise schließen mussten. Gustav Peter Wöhler hat sich dann gemeldet und gefragt, ob er uns helfen könne. Er hat Dirk Bachs Rolle übernommen. Das werde ich ihm nie vergessen. Denn ich war damals ratlos – und das bin ich selten.

Stehen Sie lieber auf der Bühne oder vor einer Kamera?

Die Bühne bevorzuge ich bei weitem. Denn Theater ist die Keimzelle unseres Berufs. Alles andere ist durch Technik später dazugekommen. Film macht natürlich Spaß – und man muss auch drehen, um im Gedächtnis zu bleiben: Im Theater erreiche ich 470 Zuschauer, mit einem guten Kinospiel vielleicht 800.000. Das ist wichtig für den Marktwert. Gerade wenn man Theaterkarten verkaufen will, muss man heute mit bekannten Namen arbeiten, weil die Zuschauer oft nicht mehr neugierig sind – und zwar im eigentlichen Wortsinn: gierig, Neues zu entdecken. Die kaufen ihr Ticket, weil sie Leute sehen wollen, die sie vom Fernsehen kennen. Das finde ich ungerecht, weil ich viele gute Kollegen kenne, die es schwer haben sich durchzusetzen, obwohl sie sehr begabt sind.

Löst das bei Ihnen als Theaterleiter eine ähnliche Reaktion aus wie bei Averhoff im Film: Es den Leuten trotzdem zu beweisen?

Ich lasse mich nicht davon abhalten, meine Ziele im Auge zu behalten, und ich habe einen langen Atem.

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Den brauchte es auch bei diesem Film...

Stimmt. Regisseur Kilian Riedhof hat elf Jahre am Skript gearbeitet. Das Ergebnis zeigt, dass es sich lohnt, ein Buch reifen zu lassen. Daran kranken viele deutsche Filme: Dass man glaubt, die erste Version des Drehbuchs sei bereits die beste.

Wenn man einen Film dreht, in dem das Leben im Alter und der Tod thematisiert werden, denkt man dann automatisch über die eigene Endlichkeit nach?

Das werde ich jedes Mal gefragt.

Tut mir leid...

Nee, das passt schon. Aber ich bin ein zutiefst optimistischer, in die Zukunft gewandter Mensch. Mich berührt das nicht. Ich bin 78, ich habe einen 15-jährigen Sohn, mit dem ich viel Zeit verbringe. Natürlich ist das Ende jetzt sehr viel näher als vor 30 Jahren. Auf der anderen Seite wissen wir alle, dass der Tod das Ereignis ist, auf das wir gerne und mit größter Geduld lange warten. Da meine geistige und körperliche Verfassung momentan nichts zu wünschen übrig lässt, denke ich lieber darüber nach, wie ich die weitere Aufholjagd gestalte, weg von der mir zugedachten Schublade.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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