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Dieter Nuhr: Der 54-Jährige präsentiert in seiner neuen ARD-Sendung Nachwuchskünstler.

Großes Merkur-Interview

Dieter Nuhr: Kommunikation wird heute auf blanke Pöbelei reduziert

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Kabarettist Dieter Nuhr spricht im Merkur-Interview über die neue Reihe „Nuhr ab 18“, Kabarett gestern und heute und sein Verhältnis zu den Sozialen Medien.

Sein Name hat sich eingeprägt – nicht nur, weil die Titel seiner Programme („Nuhr am Nörgeln“, „Ich bin’s nuhr“, „Nuhr unter uns“) damit spielen. Längst gehört Dieter Nuhr zu den bekanntesten deutschen Kabarettisten. Seit einigen Jahren steht der 54-Jährige, der sowohl auf der Bühne als auch im Fernsehen zuhause ist, vor allem in Diensten der ARD, für die er „Nuhr im Ersten“ präsentiert, das Nachfolgeformat des „Satiregipfels“.

In der neuen Reihe „Nuhr ab 18“ stellt der Spötter sechs Mal jeweils donnerstags um 23.30 Uhr Nachwuchskünstler vor – „alles Leute, die Komik auf ihre ganz eigene Art und Weise erzeugen“, wie der Präsentator schwärmt: „Da sind Bekloppte dabei, Durchgeknallte, aber auch Abgedrehte und Verrückte.“ 

Die ARD zielt mit dem neuen Format auf ein junges Publikum – und installiert als Moderator einen Künstler, der, mit Verlaub, selbst nicht mehr der Allerjüngste ist...

Der Allerjüngste hatte, wenn ich das richtig verstanden habe, keine Zeit, weil er noch zur Schule geht. Da haben sie mich gefragt. Es könnte sein, dass es in der Tat eine gute Idee ist, unbekannte Künstler durch einen bekannteren Moderator präsentieren zu lassen. Es soll ja auch jemand einschalten. Eine Sendung hat ja gar keinen Sinn, wenn sie nicht eingeschaltet wird.

Dieter Nuhr: "Es war nicht alles besser früher"

In der Pressemitteilung des zuständigen Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) werden Sie mit dem Satz zitiert, Sie hätten „ziemlich viel Spaß beim Anschauen“ gehabt. Haben Sie tatsächlich selbst das Angebot gesichtet und viele Abende die Veranstaltungen besucht, in denen die Nachwuchskünstler aufgetreten sind?

Ich habe mir alle angesehen vorher, oft auch bei Youtube, was ja unter Digitalisierten als Hauptpräsentationsplattform gilt. Wir sind damals noch jahrelang über die Bühnen getingelt, haben vor ein paar Betrunkenen gespielt und im fensterlosen Keller übernachtet. Das sparen die sich und gehen den schnelleren Weg übers Internet. Kann ich verstehen, da ist die Luft nachts besser. Und es gibt keine Veranstalter, die glauben, es besser zu können, weil sie wissen, dass Depressionen und Alkoholismus beste Voraussetzungen für eine schneidige Bühnenkarriere sind. Es war nicht alles besser früher.

Nach welchen Kriterien wurden die Künstler ausgesucht – und wie groß war Ihr Einfluss?

Die Produzenten und ich haben im Einvernehmen gehandelt. Es sind nur Leute dabei, die alle Beteiligten vertreten konnten. Es war alles weit über meinen Erwartungen, das können Sie mir glauben. Ich hätte nie gedacht, dass wir eine so gute Auswahl zusammenkriegen.

Welcher Künstler oder welche Künstlerin hat Sie selbst am meisten begeistert und warum?

Sag’ ich nicht! Ich bin ja extra nicht Lehrer geworden, damit ich mir Benotungen ersparen kann. Aber ich kann sagen, dass wir einige Schweizer dabei haben und dass die Schweiz ein sehr gutes Bild abgibt.

Sie und auch der RBB betonen die Vielfalt junger Comedy – vom „Poetry Slammer“ bis zum Videofilmer. Ist es aus Ihrer Sicht heute leichter, mit wie auch immer gearteter Kunst sein (TV-)Publikum zu finden und zu begeistern?

Man ist schneller berühmt und schneller vergessen, ganz so, wie es der weise alte Seher Andy Warhol vorhergesehen hat. Man kann bei Youtube ein Star sein und in der Drogerie auf kreischende Fans stoßen, und 100 Meter weiter kennt einen keine Sau. Es ist alles ein bisschen zerfledderter als früher.

Ist das Publikum anspruchsloser geworden?

Andersherum gefragt – glauben Sie, dass das Comedy- und Kabarettpublikum weniger anspruchsvoll ist als früher?

Anspruch ist auch eine Frage des Alters. Jugendliche sind schneller mal begeistert und dann wieder enttäuscht. Außerdem neigt unsere Zeit ja im Allgemeinen zur Hysterie. Zwischen megageil und megauncool gibt es kaum noch was. Und der Seitenwechsel erfolgt megaschnell.

Sie gehören zu den Wenigen in Ihrer Branche, die sowohl als Comedian als auch als Kabarettist anerkannt sind, haben ja auch schon die entsprechenden Preise gewonnen. Was ist das „Geheimnis“ Ihrer Kunst, dass Sie es schaffen, beide Fraktionen anzusprechen?

Mein Programm ist lustig, das mögen die von der Comedyseite. Und ich rede über Gott und die Welt, und das entspricht der guten alten Vorstellung vom Kabarett. Das ist mein Humor, da denke ich nicht angestrengt drüber nach. Ich bin damals von Hanns Dieter Hüsch kabarettistisch sozialisiert worden. Der hatte ja auch was sehr Komödiantisches.

Dieter Nuhr: "Facebook ist wie ein Schulhof"

Nochmal zurück zum Publikum – früher war die Interaktion zwischen Kabarettist und Publikum überschaubar. Die Leute sind gekommen oder auch nicht, haben geklatscht oder auch nicht, die Rezensenten haben positive oder negative Kritiken geschrieben – das war’s. Heute, im Zeitalter der Sozialen Medien, verbreiten sich Meinungen blitzschnell, jeder kann allen mitteilen, wie gut oder wie schlecht er einen Künstler fand. Wie gehen Sie damit um?

Ich nehme das staunend zur Kenntnis, aber das ist ja mein Beruf. Ich nehme ja eigentlich alles staunend zur Kenntnis. Und natürlich bin ich bei Facebook und Twitter mit dabei, weil sich, wenn ich darauf verzichten würde, einfach andere unter meinem Namen anmelden und so tun würden, als wären sie ich. Es ist also blanke Notwendigkeit, mitzumachen. Ein Vergnügen ist es eher weniger. Tendenz sinkend. Das Geschrei nimmt zu, und ich bin geräuschempfindlich. Die Kommunikationsmittel heute reduzieren die Kommunikation weitgehend auf Pöbelei. Facebook ist wie ein Schulhof. Da kommt es nicht auf das Niveau an, sondern darauf, dabei zu sein und am lautesten zu kreischen, schließlich will man die meisten Zuhörer erreichen, das ist wichtiger als der Inhalt des Gesagten. Ich könnte Bücher darüber füllen, aber ich verzichte darauf.

Dieter Nuhr: "Ich halte gerne dagegen"

Das heißt, Sie lesen die Kommentare zu Ihren Auftritten oder öffentlichen Äußerungen in Internetforen der Zeitungen oder bei Youtube?

Selten, noch halte ich den Menschen für die Krone der Schöpfung, und ich fürchte, das könnte sich ändern, wenn ich da genauer hinschaue.

Inwieweit wirkt sich die Möglichkeit, im Internet jede Ihrer Äußerungen so oder so zu kommentieren, auf Ihr Denken und Handeln aus? Macht Sie die Gefahr eines Shitstorms vorsichtiger oder stachelt Sie das eher an?

Ich neige ja zur Renitenz. Ich halte gerne dagegen. Allerdings sammle ich seit einiger Zeit für alles, was ich sage, Belege, um fachlich unangreifbar zu sein. Schließlich ist irgendjemand immer beleidigt, dann braucht man Argumente. Die Menschen rotten sich ja gerne zusammen. Es ist vielleicht ein Fortschritt, dass die Massen im Zeitalter des Shitstorms keine Scheiterhaufen mehr errichten, sondern nur noch auf die Enterteste drücken. Man kann dies als Demokratisierung feiern. Wahrscheinlich würden die Leute, die das tun, auch ein zünftiges Pogrom als demokratische Äußerung der Schwarmintelligenz feiern. Wie gesagt – ich guck’s mir an und staune. Dabei darf man nicht vergessen, dass ich noch nie so viel Zuspruch bekommen habe wie im Moment, das ist natürlich auch schön.

„Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal die Fresse halten!“ ist zum geflügelten Wort aus einem Ihrer Programme der analogen Ära geworden. Würden Sie diesen Satz heute noch so sagen?

Heute würde ich es erstens schärfer und zweitens präziser formulieren.

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