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Chamäleon des Kabaretts: Dieter Nuhr mit seinem aktuellen Programm „Nuhr ein Traum“.

Im Circus Krone

Dieter Nuhr, der Tröster im Irrenhaus

München - Mit seinem Programm "Nuhr ein Traum" gastierte das Chamäleon des Kabaretts im Circus Krone.

Islamisten sprengen sich jung in die Luft, (manche) Frauen lassen sich die Falten wegmachen, alle anderen Menschen, zumindest in Deutschland, werden immer älter, übrigens auch der eigene Partner. „Die Welt ist verrückt“, konstatiert Dieter Nuhr – und formuliert schon bald den Zweck seines Besuchs im Münchner Circus Krone. Dies werde kein kabarettistischer, sondern ein therapeutischer Abend werden, verspricht der 53-Jährige. Er wolle seinem Publikum dabei helfen, Lebensfreude zurückzugewinnen.

Und obwohl es in „Nuhr ein Traum“ – der Traum spielt übrigens nicht die Rolle, die der Titel suggeriert – tröstende Worte nur so hagelt („Man muss das Positive sehen“), ist der seelenstreichelnde Tonfall natürlich zu ungefähr fünfzig Prozent Ironie – plus, minus. Nuhr freut sich diebisch, seine „Patienten“ immer wieder aus allen Wolken der Glückseligkeit fallen zu lassen. „Enttäuschungen lassen sich nur vermeiden, wenn man nicht zu viel erwartet“ – ein Satz wie ein Weckerklingeln um sechs Uhr morgens.

Nuhrs Rhetorik hat zwei Gesichter. Einerseits nutzt der Kabarettist geschickt das Image seiner Zunft als Hort der Miesmacher, um als Anti-Nörgler immer wieder auf das privilegierte Dasein in Deutschland und (West-)Europa hinzuweisen. Frieden und Freiheit zu haben, wählen gehen zu können – Dinge, die doch eigentlich froh machen müssten, säuselt der Mann mit dem Charisma des Wanderpredigers: „Stellen Sie sich doch mal auf den Roten Platz und outen sich als schwul!“.

Nuhr nimmt seine Jünger mit auf die Reise durch die Geschichte der angekündigten (Klima-)Katastrophen, führt Studien und Statistiken ad absurdum, geißelt die Sucht der Medien nach negativen Schlagzeilen („Ich will einfach mal lesen, dass alles in Ordnung war!“) und den allgemeinen Pessimismus, der dazu führe, dass schon Fünfjährige an einem Burnout litten.

Ein Abend des „Man-muss-das-Positive-sehen“-Appells also, der immer wieder kippt in den Fatalismus des „Der Mensch-ist-eben-so“. Denn das ist das andere Gesicht Nuhrs – sein Talent, en passant eben doch das ganze Elend vor uns auszubreiten. Die Gleichberechtigung der Geschlechter, das omnipräsente Internet, der Fortschritt im Autobau, alles nicht geeignet, den Homo sapiens klüger oder besser zu machen. „Die Welt ist ein Irrenhaus“ – noch so ein Satz, den der Mann auf der Bühne voller Inbrunst sagt.

Dieter Nuhr ist ein Chamäleon des Kabaretts, das blitzschnell die Farbe wechseln kann zwischen rosarot und tiefschwarz. Ein Quacksalber, der Balsam verreibt und sich freut, wenn sie sich tief in die Haut ätzt.

Rudolf Ogiermann

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