Diogenes und Engelsboten

- Farbholzschnitt? Darunter stellt man sich nicht unbedingt ein filigranes künstlerisches Verfahren vor. Man glaubt, die Werke seien in erster Linie dunkel, "weniger stumpf" als der präzise, scharfe Kupferstich. Das Haus der Kunst München belehrt uns eines Besseren mit seiner beeindruckenden Präsentation "Chiaroscuro. Italienische Farbholzschnitte der Renaissance und des Barock". Eine eingängige Schau des "Hell-Dunkel" als älteste Technik des grafischen Gewerbes überhaupt.

<P>Aus der Weimarer Kunstsammlung hat man das Projekt übernommen. Und damit klärt sich auch die Frage, auf wen sich die ursprüngliche Sammel-Initiative zurückführen lässt: Auf Goethe, natürlich. Er, der Kunstkenner, der Liebhaber von Andrea Mantegna und dessen "Triumphzug", besaß einzelne Blätter - von Andrea Andreani in Holz geschnitten. Beginn der Sammelleidenschaft und der Goetheschen kunsthistorischen Erforschung von Holzschnitten. <BR><BR>Was nun die Ausstellung vermittelt, ist der Blick für die Verwendung mehrerer Druckplatten, die akribisch genau aufeinander abgestimmt sein müssen, um den besonderen Reiz der Chiaroscuro-Blätter als eine ausdrucksstarke und auch subtile Hell-Dunkelmodulation von bunter, sensibler Farbgestaltung zu erzielen. <BR><BR>Nachdem wir das Kapitel "Mantegna" passiert haben, werden wir zu den Werken des Begründers der Chiaroscuro-Technik, zu Ugo da Carpi, geleitet und so zu den Hauptmerkmalen des Farbholzschnitts: Umriss und Atmosphärisches, was besonders da Carpis braungelber Druck nach Raffaels "Raffael und seine Geliebte" demonstriert: Wenn Raffaels Hand als Linie zum Zentrum des Bildes eines Dialoges wird, kann man sich vorstellen, wie die so genannte "Strichplatte" die schwarzrandige Zeichnung als Linie bewirkt, und dass die zuerst verwendeten "Tonplatten" für die spannungsvolle Balance, den weichen Hintergrund sorgen. Trotz der ungeheuren Präzision und Akribie des Arbeitsvorgangs ist das Resultat ein atmosphärisch flüchtiger Skizzeneindruck. <BR><BR>Ugo da Carpis "Diogenes" nach Parmingianino dagegen zeigt deutlicher weiß-ausgesparte Stellen und daher ein ausgeklügeltes Licht und Schattenspiel auf dem Körper der bewegten Figur mit flatterndem Umhang und durchwehtem Haar. Wir schwelgen im Kontrast von schwingenden Gewandfalten zum kühlen Blauton des "Martyriums von Paulus" von Antonio da Trento. </P><P>Wir sehen geraubte Sabinerinnen nach Giambologna von Andrea Andreani vor graugrünem Hintergrund sich zu muskulösen, skulpturalen Gebilden winden. Dagegen wirkt Niccolò Boldrinis Landschaft wie ein übervoller Teppich an Strichlagen, die Himmel, Geäst, Blätter, Wurzelwerk, Ruinen, Mensch und Tier zum grünlichen Druck komponieren. Und - wer ganz genau hinguckt, erkennt in einem entlegenen Winkel ein ganz außergewöhnliches Werk, den Schlussakkord der Ausstellung: den Farbholzschnitt "Christus am Ölberg" aus dem 18. Jahrhundert von John Baptist Jackson. <BR><BR>Der Engländer lässt ihn zum Nachtstück geraten, zur dramatischen und damit wirklich malerischen Inszenierung vom Licht im Dunkeln. Die Weißhöhung fungiert hier als göttliches Leuchten um die Flügel des Engelsboten, als Fackel sowie als die natürliche Lichtquelle Mond hinter düster wolkenverhangenem Himmel. <BR><BR>Bis 19. 1. 2003, tägl. 10-22 Uhr, Tel.: 089/ 21 127-123, Katalog: 24 Euro. <BR></P>

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