Interview zum Kinostart

Schlöndorff: Paris ist „eine Stadt wie eine Frau“

München - Regisseur Volker Schlöndorff spricht im Merkur-Interview über seinen neuen Film „Diplomatie“ und seine Liebe zu Paris.

Volker Schlöndorff ist entspannt an diesem Vormittag im Münchner Hotel „Bayerischer Hof“. Später werde er noch mit seinem Neffen eine Lederjacke kaufen gehen, sagt der Autor und Regisseur. Doch zunächst soll es um seinen neuen Film „Diplomatie“ gehen, der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt. Der 75-Jährige, der 1980 mit der Literaturverfilmung „Die Blechtrommel“ einen Oscar gewann, erzählt darin, wie der schwedische Konsul Nordling den deutschen General von Choltitz 1944 zu überzeugen versucht, Paris beim Rückzug der Wehrmacht nicht zu zerstören. Zur Hauptstadt Frankreichs hat Schlöndorff eine ganz besondere Beziehung...

Wenn Sie spontan an Paris denken – was fällt Ihnen als Erstes ein?

(Ohne Zögern.) Claudy. Das war der Name meiner ersten Freundin. Langer Tod, hat zu viel geraucht. Erster Kuss am Ufer der Seine, wie aus dem Bilderbuch – auf einer öffentlichen Bank. Das war 1956/ 57 und wie auf einem Foto von Cartier-Bresson. Es stimmte alles: schwarzer Rollkragenpullover wie Juliette Gréco, geraucht habe ich P4, da waren vier Zigaretten im Päckchen, und das P stand für Parisiennes. Ich habe alle Klischees erfüllt.

Sie sind als Schüler zum ersten Mal nach Paris gekommen. Wie war Ihr Eindruck?

Schlöndorff (links) im Gespräch mit dem Leiter der Merkur Feuilleton-Redaktion, Michael Schleicher.

Was mir gar nicht aufgefallen ist, war die Schönheit der Gebäude, sondern vielmehr die unglaubliche Vielfalt der Menschen. Ich habe zum ersten Mal bewusst Araber und Schwarze gesehen, die nicht Uniform trugen. Wir kannten natürlich amerikanische Soldaten in Uniform. Doch in Paris liefen Schwarze en masse auf der Straße rum, dazu Araber, Franzosen, arme und reiche, dazwischen Clochards – es wuselte und wimmelte von einer Menschheit, die ich von meinem geordneten Wiesbaden einfach nicht kannte. Das hat mich am meisten fasziniert. Darum wollte ich dort sein. Die schönen Stadtlandschaften, die Gebäude, all das habe ich Jahre später erst zur Kenntnis genommen. Der Schlafsaal meiner Schule lag gegenüber dem Panthéon, ich bin aber bis heute nicht drin gewesen. (Lacht.) Ich bin kein Paris-Tourist – mir hat das Leben in der Stadt gefallen!

Würden Sie unterschreiben, wenn man sagt, „Diplomatie“ ist auch eine Liebeserklärung an Paris?

Ja. Die erste Reaktion beim Lesen des Theaterstücks war: Ach du lieber Gott, zwei Leute in einem Raum! Was soll denn das? Doch dann ist mir klargeworden: Es gibt eine dritte Hauptperson, die Stadt Paris. Eigentlich verhandeln hier zwei Männer über eine Frau – und die ist sehr schön.

Im Stück von Cyril Gély, auf dem Ihr Film basiert, sieht der Zuschauer wenig von der Stadt.

Die Frage war: Wie kriegen wir die Frau, also Paris, ins Bild? Ich wollte unbedingt, dass die Stadt zu sehen ist. Was vor den Fenstern des Salons, in dem die Männer verhandeln, zu sehen ist, hat mir nicht genügt. Ich musste also mit der Kamera Ausflüge machen. So ist die Rolle von Robert Stadlober dazugekommen, der sich durch die Stadt schlagen muss – nur um kurz zu zeigen, worum es geht…

…damit der Zuschauer die „Frau“ sehen kann.

Unser letzter Einfall war: Tun wir so, als ob alle Telefonleitungen kaputt wären, und die müssen aufs Dach, um zu kommunizieren. Das lässt sich natürlich überhaupt nicht begründen, ich glaube, mit einem Kurzwellensender muss man nicht aufs Dach. (Lacht.) Aber als Zuschauer fragt man in diesem Moment nicht nach der Glaubwürdigkeit, man ist einfach froh, dass die aufs Dach steigen. Denn jetzt sieht man die ganze Stadt. Und das Tolle war: Wir konnten sie filmen wie sie damals war. Dazu brauchten wir keine digitalen Effekte. Weil die Stadt noch da ist!

Haben Sie sich mal vorzustellen versucht, wie die Weltgeschichte weitergegangen wäre, wenn General von Choltitz Paris tatsächlich hätte zerstören lassen?

Das war Thema bei uns im Team: Was wäre gewesen, wenn es Paris ergangen wäre wie Warschau? Ich arbeite heute dreimal im Jahr in Warschau an der Filmschule von Andrzej Wajda – dort bin ich nie so entspannt, wie ich es in Paris bin. Weil ich weiß, dass dort alles zerstört war. Die deutsch-französische Versöhnung, der Aufbau von Europa, in dem wir heute so selbstverständlich leben, wäre bestimmt nicht gekommen.

In Ihrem Film überzeugt der schwedische Konsul Nordling den deutschen General, Paris nicht zu zerstören. Sie gewähren Nordling einen ersten Auftritt wie Mephisto…

(Lacht.) …oder wie in einer Boulevardkomödie.

Raoul Nordlings Körper schält sich langsam aus der Finsternis…

…durch die Tapetentür. (Lacht herzlich.)

Vereinigt dieser Charakter für Sie beide Seiten, Licht und Schatten?

(Ernst.) Ja. Wir haben diskutiert, ob wir das nicht realistischer machen sollten: Ein deutscher General lässt doch niemanden durch eine Tapetentür in sein Zimmer kommen, ohne ihn festzunehmen. Mir haben diese Theaterversatzstücke aber gefallen, weil sie deutlich machen, dass der Film kein Doku-Drama ist. Dieser theatermäßige Auftritt und die Erzählung, dass Napoleon III. durch diese Tür zu seiner Geliebten kam, haben mir sehr gut gefallen. Denn sie zeigen, dass es in diesem Raum schon vor den deutschen Besatzern andere gegeben hat, die Geschichte geschrieben haben. Der Hinweis auf die Geliebte Napoleons hat übrigens bei Vorstellungen in Frankreich für große Lacher gesorgt: Die damalige Geliebte von Staatspräsident Hollande, die er mit dem Moped besuchte, wohnt nämlich um die Ecke des Hotels.

Wenn wir uns nochmals die Figur des Konsuls anschauen…

Das ist die Kunstfigur des Diplomaten, wie man ihn sich vorstellt: einerseits sehr höflich, andererseits mit allen Wassern gewaschen. Aber ich hatte ein reales Vorbild: meinen Freund Richard Holbrooke, der ja vor kurzer Zeit im Dienst, im Büro von Hillary Clinton, tot umgefallen ist.

Sie haben ihm „Diplomatie“ gewidmet.

Ja! Wer ist ein Diplomat? Metternich kommt einem sofort in Sinn, dann lange keiner. Herr Genscher vielleicht. Holbrooke hat mit Miloševi´c den Vertrag von Dayton ausgehandelt – angefangen haben sie in Belgrad, abgeschlossen wurde die Vereinbarung dann in Amerika. Das heißt, Holbrooke hat wochenlang mit einem schweren Kriegsverbrecher verhandelt. Er hat Miloševi´c nach Strich und Faden belogen, sämtliche Tricks und Bluffs genutzt, um sein Ziel zu erreichen. Das fand ich spannend, dass die Hände des Konsuls im Film nicht viel sauberer sind als die des Generals. Es gibt nicht auf der einen Seite den Guten und auf der anderen Seite den Bösen.

Gibt es in der Diplomatie Spielregeln?

Ich bin ja kein Diplomat, obwohl mein Vater immer wollte, dass ich einer werde. Ich glaube, es gibt eine Spielregel der Diplomatie: Man darf den Gegner verletzen, aber nur leicht. Denn mit einem schwerverletzten Gegner kann man im Grunde keinen Frieden schließen. Diplomaten sind ja erstens dazu da, Kriege zu verhindern. Das schaffen sie meist nicht. Zweitens ist es ihre Aufgabe, Kriege zu beenden, wenn sie einmal angefangen haben. Dazu sind die Generäle unfähig – da geht es so lange, bis der letzte Mann tot umgefallen ist. Dann erst ist der Krieg zu Ende. Will man ihn vorher beenden, braucht man Diplomaten, die verhandeln. Insofern ist es ein dem General vergleichbarer Beruf.

Ist einer der zentralen Sätze Ihres Films vielleicht „Generäle haben oft die Macht, etwas zu zerstören; aber selten die, etwas zu erschaffen“?

Das muss ziemlich frustrierend sein für Generäle. Vielleicht wollen sie sich auch deshalb einreden, sie würden Demokratie bringen und einen Staat aufbauen – aber immer erst nach gewonnener Schlacht. Das ist schon der Schlüsselsatz, ganz klar.

Wie schwer ist es, Figuren zu inszenieren, die historische Vorbilder haben?

Das ist nicht nur schwer, das ist unmöglich. Deshalb habe ich mich auch von vornherein darüber hinweggesetzt. Man geht damit um wie Kleist mit dem Prinzen von Homburg oder Schiller mit Maria Stuart. Das heißt, man versucht, eine Figur zu erfinden, die in sich stimmig ist. Ob sie in der Wirklichkeit so gewesen ist, spielt keine Rolle. Das ist aber nur erlaubt, wenn man dem Zuschauer von Anfang an signalisiert, dass es sich nicht um ein Doku-Drama handelt.

Können Sie das Dilemma des Generals nachvollziehen? Wenn er sich Hitlers Befehlen widersetzt, droht seiner Familie die Verhaftung, vielleicht sogar der Tod...

Absolut, ja. Wenn es um die Frage geht: Das Leben meiner Familie gegen das Leben von hunderttausend Franzosen, dann ist das für mich kein Dilemma. Da rette ich selbstverständlich die hunderttausend Franzosen. Ich würde die Moral der Statistik unterwerfen. Das eigentliche Dilemma des Generals ist ein anderes: Für ihn gibt es einen Wert, der über allem steht – die Ehre der Familie von Choltitz. Jetzt muss er sich die Frage stellen: Beschmutze ich die Ehre der Familie, indem ich den Befehl verweigere? Das ist eigentlich unmöglich. Doch wenn er den Befehl ausführt und Paris zerstört, wird der große Fleck auf der Ehre der von Choltitz’ sein: Das sind die, die Paris zerstört haben. Das ist das Dilemma. Darin ist er so verloren, dass er den Konsul quasi um Hilfe anfleht. Deshalb schmeißt er ihn nicht raus.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Höllen-Glöckner von AC/DC
Zusammen mit seinem Bruder Angus gründete Malcolm Young 1973 AC/DC und schrieb Rockgeschichte. Jetzt ist der Gitarrist nach langer Krankheit im Alter von 64 Jahren …
Der Höllen-Glöckner von AC/DC
Marilyn Manson in München: Wie Luzifer auf dem Thron
Trotz eines gebrochenen Beins tritt Marilyn Manson in der Münchner Zenithhalle auf. Dort bietet er seinen Fans eine kurze, aber wohl unvergessliche Show - bis die …
Marilyn Manson in München: Wie Luzifer auf dem Thron
Wiener Tatort-Star Adele Neuhauser: „Ich bin mir lange im Weg gestanden“
Die Wiener-Tatort-Kommissarin Adele Neuhauser erzählt im Interview von ihrer Autobiografie. Mutig aber nicht voyeuristisch - so sollte ihr Buch werden. Nun wird bereits …
Wiener Tatort-Star Adele Neuhauser: „Ich bin mir lange im Weg gestanden“
Konzertabbruch: So krank war der Jamiroquai-Sänger wirklich
Es war eine „Stimmbandentzündung mit Aphonie“ (Stimmverlust), die Sänger Jason „Jay“ Kay von Jamiroquai zum Abbruch des Konzerts am Donnerstagabend in der fast …
Konzertabbruch: So krank war der Jamiroquai-Sänger wirklich

Kommentare