Bayern-Schock: Müller verpasst wohl Leipzig-Doppelpack

Bayern-Schock: Müller verpasst wohl Leipzig-Doppelpack

Direkt am Herzen

- Lob, haben Psychologen herausgefunden, spornt an. Zu viel davon kann auch träge Saturiertheit bewirken. Dieses Risiko muss eingegangen werden: Nach einer Reihe von Top-Inszenierungen ist dem Münchner inkunst e.V. mit Dea Lohers "Unschuld" abermals ein Hochspannungsabend gelungen. Dirk Engler hat diese Unschuld-Figuren vom Rand der Gesellschaft mit einer schwebenden Todernst-Komik betrachtet - die der Realität sehr nahe kommt. Eine weiße Halle 7 gähnt uns entgegen. Und doch, gerade in dieser Kahlheit - Isabelle Krötschs erster Bühnen-Coup -, befindet sich Lohers Asylanten-Duo unmittelbar "Vor dem Horizont des Meeres".

<P>Markus Menzel und vor allem Ercan Karacayli spielen dann das Illegalen-Dasein zwischen manischer Übervorsicht und rabiatem Lebenshunger mit einer zarten Wucht direkt ans Herz. Vergeblich ihr Rettungsversuch einer Frau, die sich ins Wasser stürzt, von der hinten hoch aufragenden Wand. Später, von den beiden Pokervisagen Martin Pfisterer und Leonid Semenov vor- und herumgeschoben, offenbart die Bühne in Breit- und Schmalseite - zweiter Coup - neue Beengt-Räume: Im Wohnklo-Container können sich Franz und Rosa nicht mal auf ihrem Runterklappküchentisch-Bett lieben, weil Rosas alters-egoistische Diabetes-Mama sich einquartiert. <BR><BR>Barbara Brandhuber, Florian Huber und Gundi-Anna Schick wunderbar in ihrer melancholisch-komischen Familien-Gefühlsverstrickung. In der Winz-Werkstatt nebenan rennt die Gattin eines stoisch-stumm schleifenden Schmuckschmieds buchstäblich gegen die Wand. Felicitas Kirchgässer hat als philosophisch - und unter diesem Aspekt heroisch - rasende Ella den schwierigsten Part. Loher hat ihm, wenn auch mit gebremstem Moralanspruch, geballte Gesellschaftskritik aufgepackt. Verteilt auf drei klug getimt gestaffelte Monologe ist das verträglich.<BR><BR>Die gebürtige Traunsteinerin, Jahrgang 1964, gehört jetzt zu den wichtigsten deutschen Dramatikerinnen. In diesen 19 Szenen hat sie Lebensbehinderung und trotzige Hoffnung poetisch verfremdet abgehandelt, ihre Schicksals- und Bedeutungsträger so anlegt, dass sie zu menschlichen Wesen werden können. Bei Dirk Englers Feinnervigkeit und Fantasie, bei diesen exzellenten Darstellern - noch zu nennen Tanja Marzan, Ute Pauer, Dorit Bohrenfeldt, Berthold Schirm - werden sie es. Ungerührt geht da keiner nach Hause. </P><P>Bis 7. 6., Karten unter Tel. 089/53 29 78 29.</P>

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