Der Dirigent am Billardtisch

- Astronaut oder Profi-Fußballer wollen kleine Jungs gewöhnlich werden, weil "Star Wars" und der Bolzplatz eben ihre Hobbys sind. Daniel Grossmann aber träumte sich als Bub ans Dirigentenpult, "das glaubt mir immer keiner, weil es so überheblich klingt", sagt der 24-Jährige, der schmal und feingliedrig zwischen einem dezenten Chaos von CDs sitzt und nicht etwa einen Flügel ins Zentrum seines Wohnraumes gerückt hat, sondern den Billardtisch. So unglaubwürdig ist seine Kindheitsgeschichte allerdings auch wieder nicht, weil drei seiner Onkel Dirigenten sind.

<P></P><P>Der kleine Daniel Grossmann durfte bei ihren Konzerten in der ersten Reihe sitzen und bewunderte natürlich die Dirigenten. Folgerichtig hat er nach Klavier-, Cello- und Gambenausbildung Unterricht im Dirigieren genommen. Zuerst bei einem Privatlehrer in München, dann an der New Yorker Met und schließlich in Budapest. Von dort stammen seine Eltern, und nicht zuletzt deshalb fühlte sich der Ungarisch sprechende junge Dirigent dort ebenfalls zu Hause. Nun stellt er sein Können in den Dienst seiner Münchner Wurzeln: Er dirigiert am Sonntag zugunsten des neuen jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrums ein Benefizkonzert mit Felix Mendelssohns Sommernachtstraum und Mozarts Klavierkonzert C-Dur KV 467.</P><P>Der Gedanke lag nahe - junge Künstler der Münchner Gemeinde sollten das Konzert gestalten: die Pianistin Hannah Loewenberg-Harnest und als Sprecher der Schauspieler André Kaminski, "und da es in der Gemeinde nicht von Dirigenten wimmelt, dirigiere ich es natürlich", erklärt Grossmann lapidar. Verlegener spricht er von seinen Vorbildern, Furtwängler und Toscanini - und nur unter Vorbehalt mag er sie so nennen. Denn "das Despotische ist in meiner Generation hundertprozentig out. Außerdem will ich gar kein Despot sein."</P><P>Freischaffender Dirigent ist er derzeit und als solcher viel mit ungarischen Musikern unterwegs, besonders mit einem Barockorchester. Am liebsten ist es ihm aber, unterschiedliche Stile zu dirigieren. Manchmal erlaubt er sich eine Leidenschaft: selten aufgeführte Werke, Raritäten ins Programm aufzunehmen. Z. B., wenn er beim Jüdischen Sommerfestival in Budapest auftritt.</P><P>Das Engagement im Bereich jüdischen Kulturguts ist keine Besonderheit für Grossmann: "Es ergibt sich so, allerdings interessiert mich ein wenig jüdisches Künstlertum und die jüdische Tradition in der aufführenden Musikwelt. Das Thema ist spannend. Offen vor allem sollte man mit damit umgehen."<BR><BR>CHRISTINE DILLER<BR><BR>Am Sonntag im Münchner Herkulessaal. Karten Tel. 089/54 81 81 81. Im Anschluss werden Gemälde von Max Mannheimer und Julia Wegat versteigert</P>

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