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Eine seiner Münchner Wirkungsstätten: Ulf Schirmer in der Herz-Jesu-Kirche, wo er die Reihe „Paradisi Gloria“ dirigiert.

Vom Dirigent zum Intendant - Ulf Schirmer im Porträt

München - Beim Münchner Rundfunkorchester verantwortet er eines der intelligentesten Konzert- programme. Demnächst kommt noch eine bedeutende Chefposition dazu: Dirigent Ulf Schirmer wird ab August Intendant der Leipziger Oper.

Ein Dirigent als Intendant, das ist nach wie vor selten. Und manchmal funktioniert es auch nur bedingt: Lorin Maazel stieg nach kurzer Zeit wieder vom Thron der Wiener Staatsoper, Wolfgang Sawallisch wirkte an der Bayerischen Staatsoper als „bloßer“ Chefdirigent wesentlich unbelasteter – im Vergleich zur Tätigkeit als Operndirektor. Ulf Schirmers Aufstieg vom Leipziger Generalmusikdirektor (seit 2009) zum Intendanten entbehrt dennoch nicht der Logik. Er, dieser neugierige, (selbst-)kritische, so ironische wie leise Intellektuelle, ist der Mann für besondere künstlerische Baustellen.

Seine neue Aufgabe empfindet Schirmer nicht als Einengung seines Dirigenten-Jobs, im Gegenteil: „Mir geht es darum, kulturpolitische Rahmenbedingungen zu gestalten. Als reiner Dirigent hat man heute keine Chance mehr.“ Den 59-Jährigen treibt es zu anderem: Nicht die Interpretation eines Werks allein befriedigt ihn, er will sich auch das Warum und Wie einer Aufführung nicht aus der Hand nehmen lassen.

Ulf Schirmer ist zwar seit Jahrzehnten im Geschäft. Einer dieser gefälligen Artisten im Klassikzirkus ist er aber nie geworden. Stets scheint es, als stehe da ein Außenseiter am Pult. Was damit zusammenhängt, dass Schirmer nicht nur über die Veränderungen seines Berufes nachdenkt, sondern diese auch vorlebt: „Es reicht heute nicht mehr, die Werke einfach aufzuführen, der Vermittlungsakt wird immer wichtiger. Ich habe in den letzten Jahren entdeckt, dass ich Freude daran habe, Inhalte weiterzugeben.“

Mehr als einmal durften Münchens Konzertbesucher schon erleben, wie Schirmer mit reflektierten, unverquasten Worten auf das gleich zu Hörende hinwies. Wobei er Inhalte nicht nur nach außen wiedergibt: Einmal pro Saison kommen die Studenten der Theaterakademie in den Genuss, von diesem Opernprofi auf den Ernstfall einer Produktion vorbereitet und durch die Aufführung gelotst zu werden – zum sechsten und letzten Mal übrigens im Jahre 2012.

Seine Münchner Aktivitäten wird Ulf Schirmer einschränken. Er bleibt zwar beim Rundfunkorchester, die Termine wurden aber in gegenseitigem Einvernehmen reduziert. Auch die Zahl seiner Gastspiele will er zurückschrauben. „Leipzig ist jetzt das Zentrum meiner Arbeit“, sagt Schirmer, der schon seit einiger Zeit an der Pleiße eine Wohnung hat. „Ich habe dort eine Präsenzpflicht von acht Monaten – das sagt alles.“ Die Kultur- und Messemetropole charakterisiert Schirmer dabei als „wunderbare städtische Insel mit finanziellen Mitteln, die nicht annähernd mit denen Münchens zu vergleichen sind“. Er empfinde es dennoch „als geistige Freude“, diese Herausforderung anzunehmen.

Aus München bringt Schirmer da einige Ideen mit. Anregungen aus der Kinder- und Jugendarbeit des Rundfunkorchesters, auch den Instinkt dafür, ungewöhnliche Orte zu bespielen und damit nach neuen Publikumsschichten zu fahnden. Den Etat für die Leipziger Oper bezeichnet Schirmer als „Oberkante Unterlippe“ – finanzielle Voraussetzungen, mit denen man „gerade noch leben und gestalten“ könne. An seine dortige Berufung knüpften die Verantwortlichen dabei ein Planziel: Schirmer soll die Leipziger Oper zum Repertoire-Haus umbauen. „Kein Stagione-Betrieb mit wenigen Produktionen, die häufig gezeigt werden“, erläutert er. „Wir werden das Kernrepertoire erheblich aufstocken, außerdem wollen wir auch weg von den Koproduktionen.“

Um den Repertoire-Betrieb am Laufen zu halten, wird das Ensemble durch Residenzverträge erweitert: Vereinbarungen, die Sänger für eine gewisse Zeit, allerdings nicht als feste Ensemblemitglieder ans Haus binden. Außerdem reiht sich Schirmer, der Wagner zu seinen Leidenschaften zählt, in die „Ring“-Phalanx ein: Ab 2013 gibt es pro Saison jeweils eine Oper aus dem Nibelungen-Epos. „Leipzig sieht sich als Wagner-Stadt“, sagt Schirmer, der 2005 übrigens mit dem „Parsifal“ erste Kontakte zu den Sachsen knüpfte.

Doch bevor er vom Generalmusikdirektor zum Generalbevollmächtigen aufsteigt, fährt Ulf Schirmer erst einmal an den Bodensee. Nicht zum Urlauben: Auf der Bregenzer Freilichtbühne hat am 20. Juli Umberto Giordanos „Andrea Chenier“ Premiere. Schirmer dirigiert nicht nur, sondern kümmert sich auch wieder um die Weiterentwicklung der spektakulären, CD-reifen Beschallungsanlage „BOA“ („Bregenz Open Acoustics“). „Auch dort spürt man allerdings finanziellen Gegenwind“, schränkt Schirmer ein. „Fraglich, wie weit wir mit dem System noch kommen.“

Auf jeden Fall ist es wieder eine dieser typischen Schirmer-Baustellen, die „nur“ im weiteren Sinne mit Taktschlagen und Orchestererziehung zu tun haben. „Alles, was ich mache, hat eben fortlaufenden Experimentalcharakter. Deshalb plane ich auch nicht übermäßig weit in die Zukunft. Ich will einfach spüren: Bekommt das, was ich verlange, den Beteiligten – oder mir.“

Von Markus Thiel

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