Der Dirigent als interessanteste Figur

Luigi Nonos "Intolleranza 1960": - Fast fällt einem das Faltblatt aus dem Programmheft heraus. Wahrscheinlich, weil es so Gewichtiges auflistet - Bialas zum Beispiel, Reimann, Henze, Schnebel, Terterjan, alles Opernkomponisten die hier in den letzten zehn Jahren gestemmt wurden. Nicht in der Staatsoper, nicht bei der Biennale, nein: am Gärtnerplatz, dort, wo Intendant Klaus Schultz die leichte Muse gern mit Ambition konfrontiert, dabei versucht, den Ruch des Tingeltangel loszuwerden.

Insofern ist "Intolleranza 1960" von Luigi Nono (1924-1990), dieses Schlüsselwerk der Moderne, am Ende der Ära Schultz gar keine so große Überraschung. Eine Münchner Erstaufführung Anno 2007, dieses Verdienst mochte sich Schultz vor Toresschluss einfach gönnen.

Ohnehin haftet der Wirkungsgeschichte von "Intolleranza" etwas Merkwürdiges an. Einerseits erschauern Ausführende wie Zuhörer seit 40 Jahren vor dem Schwierigkeitsgrad, andererseits trifft der 70-Minüter immer wieder ins Mark. Weil Nono komplexe Struktur mit einer sehr gestischen, expressiv-sinnlichen, daher nachvollziehbaren Musiksprache verbindet. Vor allem aber weil das Stück nicht um Abstraktes, gar um sich selbst kreist, sondern seine Inhalte, dieses Wüten gegen Unterdrückung, Hass und Ungerechtes, geradezu herausschreit.

Was Regisseurin Florentine Klepper mit diesem Wurf anstellen wollte, lässt sich schon erahnen. Keine Illustration, kein Ausstellen des Leids, kein angestaubter Agitprop-Ton, keine Gesinnungsfolklore, kein Theaterrealismus, bei dem sorgsam abgesteppte Kleidungsfetzen ja nur absurd wirken können. Man muss nicht so weit gehen wie Peter Konwitschny 2001 in Berlin, der "Intolleranza" dermaßen konkretisierte, dass er fast bei Szenen einer Ehe landete. Doch was Florentine Klepper dazu einfällt, driftet oft in eine halbkonzertante Aufführung.

Wie Claus Guth bei Terterjans "Beben" am selben Ort wendet sie einen Trick an, der Interesse garantiert: Das Publikum darf dem Entstehen der Musik zuschauen. Das Orchester sitzt also auf der Bühne, der Chor (zu) weit im Hintergrund. Wenn er überhaupt singt: Eingangs- und Schlussnummer kommen - Spot aufs Tonband im Proszenium - aus der Konserve. Regieeinfall oder gar Arbeitserleichterung angesichts der höllisch schweren Stücke?

Zwischen den Musikern gibt es Stege, auf denen sich die Personen in ritualhafter Zeitlupe bewegen und Statisten in immer wiederkehrenden Gängen Ausweglosigkeit andeuten. Auf dieser imponierenden Bühne (Bastian Trieb) hängen aus dem Lot gekippte Rahmen, überdies wird mit klug dosierten Projektionen Josef Svobodas "Laterna magica" zitiert, die Nono für die Uraufführung vorschwebte.

Doch wer sich nicht intensiv mit dem Stück beschäftigt hat, ist überfordert. Statt Inhalt wenigstens anzudeuten, beschränkt sich Florentine Klepper auf eine Ästhetik des Rätselhaften, deren Faszinationskraft bald verpufft. Zudem ist meist kein Wort zu verstehen, dringend notwendige Übertitel gibt es nicht, was Alfred Anderschs grandiose Übersetzung nun wirklich nicht verdient hat.

Nono, der den Konstruktivismus der damaligen Kollegen geißelte und seine Strukturen immer dem Ausdruck unterwarf, hat hier eine zu brave Anwältin: Berührt wird man von dieser Aufführung kaum. Und wenn irgendwann Dirigent Ekkehard Klemm, der auf dem überdeckten Graben steht und den Riesenapparat steuert, zur interessantesten Figur geworden ist, hält man verdutzt inne: Da muss etwas schiefgelaufen sein.

Obwohl, berechtigt ist dieser Eindruck schon. Denn "Intolleranza 1960" ist am Gärtnerplatz in erster Linie ein musikalisches Ereignis. Der souveräne Klemm beschränkt sich nicht nur aufs Koordinieren, er befeuert die Mitwirkenden. Und diese Vehemenz und Unbedingtheit, mit der sich Orchester und der (aufgestockte) Chor der Partitur annehmen, verdient allerhöchsten Respekt.

Die Person des Emigranten treibt Nono in ein stetes vokales Außersichsein. Stefan Vinke singt ihn mit enormem Nachdruck und nie nachlassender Kondition, findet bei all der Extremnotation sogar noch zu gestalterischen Feinheiten. Ebenso Cornelia Horak, eine unerschütterliche "Gefährtin", die Dramatik genau konturiert, ganz auf Linie bleibt, manchmal wie eine herbe Kassandra wirkt und ihrem Repertoire damit eine weitere starke Studie hinzufügt. Barbara Schmidt-Gaden erfüllt die "Frau", obgleich ebenso unangenehm gelagert, fast mit Belcantoklängen, auch die übrigen Solisten demonstrieren die hohe Kompetenz des Hauses gerade bei solcher Literatur.

Trotz aller Einschränkungen: Notwendig war diese Produktion allemal. Denn dass "Intolleranza 1960" erst jetzt den Weg nach München fand, ist für diese selbst erklärte Musikstadt beschämend. Kann nur sein, dass sich das Stück am Ende im Haus geirrt hat.

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