+
„Es wurde zu viel Negatives über den Gasteig gesagt“: Lorin Maazel, 81, ab übernächster Saison Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

Dirigent Lorin Maazel: Philharmonie und ihre Vorteile

München - Mögen auch die meisten die Gasteig-Akustik verurteilen: Lorin Maazel, 81-jähriger Star-Dirigent und ab übernächster Saison Chef der Münchner Philharmoniker, hält dagegen. Seine Gründe und was er mit den Philharmonikern vorhat:

Ab übernächster Saison ist er für eine Interimszeit von drei Jahren Chef der Münchner Philharmoniker. Seit Eröffnung des Gasteig im Jahre 1985, damals mit einem Verdi-Requiem während der Festwochen, hat Maazel regelmäßig in der Philharmonie dirigiert, zwischen 1993 und 2002 auch als Chef des BR-Symphonieorchesters. Im Interview begründet er, warum er seine neue alte Wirkungsstätte gar nicht so schlecht findet – und was er mit den Philharmonikern plant.

Sie haben sich kürzlich beschwichtigend zur Gasteig-Diskussion geäußert. Wird der Saal schlechter gemacht als er ist?

Ja. Es ist die Aufgabe eines jeden Dirigenten, mit den akustischen Verhältnissen zurechtzukommen. Es gibt im Gasteig dafür viele Möglichkeiten, nehmen Sie allein die Orchesteraufstellung. Man kann die Kontrabässe in einer Reihe hinter die übrigen Orchestermitglieder platzieren. Und ich werde die ersten und zweiten Geigen nebeneinander- und nicht gegenübersitzen lassen.

Wo liegen denn die Vorteile der Philharmonie?

Es klingt alles sehr durchsichtig. Alle Instrumente sind gut zu hören, nur in den oberen Frequenzbereichen gibt es Schwachstellen an manchen Stellen im Saal. Wir überlegen uns einiges, ich bin da ganz optimistisch.

Braucht München einen weiteren Saal?

Gute Frage. Gerade in der jetzigen wirtschaftlichen Situation muss man cool überlegen, ob das einen Sinn hat. Es wurde zu viel Negatives über den Gasteig gesagt, das war und ist nicht ganz fair. Nehmen Sie die hochgelobte New Yorker Carnegie Hall: Auch dort wurden Veränderungen vorgenommen, jetzt klingt sie fantastisch. Ähnliches bei der Boston Symphony Hall. Etwas Neues bauen, nur um zu sagen, dass man sich etwas Neues leistet – ich weiß nicht...

Ist Ihre neue Aufgabe so etwas wie eine Heimkehr nach München?

So könnte man das bezeichnen. Das hat aber nicht allein mit dem Musizieren zu tun oder damit, dass ich hier Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters war. Meine Kinder gingen in München vier Jahre lang in die Schule und sind zweisprachig aufgewachsen, es gibt also auch eine ganz andere Verbundenheit mit der Stadt. Und man sollte nicht vergessen: Karl Amadeus Hartmann lud mich damals ein zu einem Musica-Viva-Konzert. Fünfzig Jahre ist das her!

Wie konnte man Sie nochmals zu einem Chefposten überreden?

In New York habe ich ziemlich laut gesagt, dass ich nach dieser Chefposition nicht mehr ein solches Amt haben möchte. Ich dachte, ich hätte dann mehr Zeit, um Bücher zu lesen oder Musik zu schreiben. Doch dann bin ich für Christian Thielemann bei den Münchner Philharmonikern eingesprungen und war von der großen Qualität des Orchesters sehr angetan. Als man mich fragte wegen der Chefposition, gab es also keine Begründung dafür, nein zu sagen. Maestro Thielemann hat hier eine fabelhafte Arbeit geleistet.

Sind Sie jemand, der eine Chefposition für sich braucht?

Überhaupt nicht. Ich bin sehr stolz und glücklich, wenn ich die Gelegenheit habe, mit einem so wunderbaren Instrument wie die Münchner Philharmoniker zu musizieren.

Und wohin wollen Sie dieses Instrument entwickeln?

Es gilt, das Repertoire und die Basis der Orchesterarbeit zu verbreitern. Ich möchte auch Werke dirigieren, die hier nicht im Licht standen und die es verdienen, aufgeführt zu werden.

Auch eigene Werke?

(Lacht.) Ich New York habe ich immer beteuert: Ich bin ein Chefdirigent, kein Chefkomponist. Mit eigenen Werken in solchen Positionen bin ich sehr vorsichtig, ich habe also in New York nur ein einziges Konzert mit einem eigenen Werk dirigiert. Wichtig dagegen finde ich etwas anderes: Ich bin ein Fan von Zyklen, beim BR-Symphonieorchester habe ich ja Symphonienzyklen mit Werken von Beethoven, Mahler, Brahms und Schubert dirigiert. Diese Zyklen erlauben es den Hörern und uns Interpreten, einen Überblick über das Schaffen eines Komponisten und damit über die Veränderung seiner Kompositionsweise zu bekommen.

Manch einer hat sich gewundert und sich lustig darüber gemacht, dass Sie Ihr Münchner Amt als dann 82-Jähriger antreten werden. Ärgert Sie das?

Die Wahrheit ist die Wahrheit: Ich werde älter. Ich habe allerdings das Glück, eine robuste Gesundheit zu haben. Ich arbeite sogar mehr als früher. In Tokio habe ich gerade eine Beethoven-Retrospektive dirigiert: alle Symphonien an einem Tag und in elf Stunden. Gut, es war ein bisschen anstrengend. Aber es war für mich sogar einfacher als vor zwanzig Jahren, als ich ein solches Projekt schon einmal dirigiert habe. Ich gehe viel spazieren und habe einen Heimtrainer im Hotel. Außerdem gibt es da eine genetische Disposition: Mein Vater wurde 106 Jahre alt!

Inwieweit werden Sie die Suche nach Ihrem Nachfolger bei den Münchner Philharmonikern beeinflussen?

Lassen Sie der Sache Zeit. Man muss langsam, Schritt für Schritt vorangehen. Man sollte nicht zu aktiv versuchen, die Zukunft zu beeinflussen. Die Welt ändert sich so schnell, auch im Konzertleben. Es gibt jetzt zum Beispiel Youtube-Symphonien, also Dinge, an die wir vor zehn Jahren nicht im Entferntesten gedacht haben.

Begrüßen Sie das?

Ich habe sieben Kinder, und die lehren mich automatisch, was in der Welt los ist. Ich bin immer ein sehr beweglicher Mensch gewesen, das wird sich nicht ändern.

Das Gespräch führte Markus Thiel

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen
Ed Sheeran (26, „Galway Girl“) muss nach seinem Fahrradunfall etliche Auftritte absagen. „Ein Besuch bei meinem Arzt hat Brüche in meinem rechten Handgelenk und linken …
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen
Gefeuerte Darsteller, Krach ums Geld: Wirbel um Roland-Kaiser-Musical
Deutschlands Schlagerstar Roland Kaiser selbst distanziert sich von dem Musical, das über ihn im Deutschen Theater in München aufgeführt werden soll. Es gibt Krach - und …
Gefeuerte Darsteller, Krach ums Geld: Wirbel um Roland-Kaiser-Musical
„Ich liebe Happy Ends!“
Sie trifft den Puls ihrer Generation. Am Samstag kommt die Poetry-Slammerin Julia Engelmann in den Münchner Circus Krone, Restkarten gibt es mit etwas Glück an der …
„Ich liebe Happy Ends!“
Auseinandersetzungen mit Rechten auf der Buchmesse
Der Umgang mit der Neuen Rechten hat die Frankfurter Messe von Beginn an beschäftigt. Beim Besuch des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke kommt es am Samstag zu Konfrontationen …
Auseinandersetzungen mit Rechten auf der Buchmesse

Kommentare