Dirigent unterm Pult

- Über 25 Jahre lang prägte Ingrid Bjoner die Strauss- und Wagner-Aufführungen nicht nur an der Bayerischen Staatsoper. Sie war umjubelt als Brünnhilde, Isolde, Elektra, Färberin, Kaiserin. . . Eine Ausnahmekünstlerin eben - in Klangschönheit, Stimmtechnik und Zuverlässigkeit Vorbild für eine ganze Sängergeneration und dadurch Maßstäbe setzend. Am 8. November feiert die Sopranistin, die heute in Oslo lebt, ihren 75. Geburtstag.

Wie feiern Sie? <BR><BR>Bjoner: Wir sind eine große Familie, da kann ich gar nicht alle einladen. Sonst müsste ich ja ein Zelt aufstellen lassen. Meine Geschwister und Schwägerinnen kommen, auch meine drei Patenkinder. Insgesamt etwa 30 Personen, das ist genug. <BR><BR>Das letzte Mal, als Sie "beruflich" in München waren, saßen Sie in der Jury des ARD-Wettbewerbs. Sind Sie häufig als Preisrichterin aktiv? <BR><BR>Bjoner: Ab und zu. Aber diese Wettbewerbe. . . Ich weiß nicht, ob das alles gut ist. Sänger, die nicht weiterkommen, sind meist so enttäuscht, dass sie das nicht vertragen. Und mancher Gewinner verträgt seinen Sieg auch nicht. Ich selbst habe an diesen Veranstaltungen nicht teilgenommen. Jede Vorstellung ist schließlich ein Wettbewerb. <BR><BR>Hatten Sie eine Lieblingspartie? <BR><BR>Bjoner: In jungen Jahren Daphne von Richard Strauss. Diese Musik und dieses Mädel, das in der Natur aufgeht, das alles fand ich unwahrscheinlich lyrisch und schön. Später liebte ich Isolde und die "Götterdämmerungs"-Brünnhilde. Turandot auch. Keine schwere Rolle, wenn man sich wie ich daran freut, dass es immer höher und höher geht. Kolleginnen, die das anstrengend finden, sollten eben darauf verzichten. Ich hatte Glück, dass ich stets Partien sang, die gerade zu mir passten. <BR><BR>Und welche Partie passte am besten zu Ihnen? <BR><BR>Bjoner: Ortrud natürlich, das ist ein richtig böses Weib (lacht lange). Nein, im Ernst: Die Rolle war toll zu spielen nach all diesen Elsas. Vor allem deshalb, weil ich als Ortrud nicht mehr mit Astrid Varnay auf der Bühne stehen musste. Die hatte in der Partie an einem Abend mehr Ausdruck als ich in meinem ganzen Leben. <BR><BR>Haben Sie noch Kontakt zu Kolleginnen? <BR><BR>Bjoner: Oh ja. Besonders zu Birgit Nilsson, meine beste Freundin und Ratgeberin. Neid spielte nie eine Rolle. Es gibt so viele Opernhäuser, da war Platz für uns alle. <BR><BR>Sie haben italienisches und deutsches Fach gesungen. Heute wird jeder sofort in eine Schublade gesteckt. <BR><BR>Bjoner: Stimmt. Ich habe sogar noch Mozart parallel zur Isolde gesungen. Es ist wohl ein Problem des so genannten Markts, aber auch eines der Dirigenten. Viele meiner Partien klappten nur in München, mit Josef Keilberth, weil er gesagt hat: Ich krieche unters Pult, wenn`s zu laut wird. <BR><BR>Sind Aufführungen heute lauter? <BR><BR>Bjoner: Die Sänger müssten dagegen etwas unternehmen. Ich habe zum Beispiel "Götterdämmerung" in Düsseldorf gesungen, mit Astrid Varnay und Hans Hopf, ich war Gutrune. Ich kam zur Probe, sang, hörte sofort auf und markierte nur noch, weil das Orchester raste. Als der Dirigent mich zur Rede stellte, sagte ich höflich und etwas humorvoll: Wer mich nicht hört, ist zu laut. <BR><BR>Waren Sie eine schwierige Sängerin? <BR><BR>Bjoner: Ich glaube nicht. Ich habe mich nur gewehrt, wenn es einen Grund gab. Ich nehme heute vielen Sängern übel, dass sie, wenn ihnen geschadet wird, nicht sagen: Ich mache das nicht, ich gehe. Man hat doch nichts zu verlieren. Wenn man gut ist, kriegt man ein anderes Engagement. Kunst kommt eben von Können. Das Wichtigste bei einem Sänger ist der Kopf, Nummer zwei ist die Musikalität und Nummer drei erst die Stimme. <BR><BR>Wo lag Ihre künstlerische Heimat? <BR><BR>Bjoner: In München natürlich. Zwischen 1961 und 1964 hatte ich hier auch mein erstes Festengagement. Ich hatte eine Wohnung dort und reise noch heute gerne hin. Was ich alles erleben durfte! Die Ära Hartmann/Keilberth, die Ära Rennert/Sawallisch. Ich behaupte ohnehin, dass meine Karriere parallel zur schönsten Gesangsära überhaupt verlief. <BR><BR>Und trauern Sie Ihrer Karriere nach? <BR><BR>Bjoner: Nachtrauern? Ich habe alle Rollen, die ich singen wollte, gesungen. Was gibt es Schöneres? <BR><BR>Das Gespräch führte Markus Thiel <BR>

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