Dirigieren wie ein Schamane

- Tan Dun, dieser Name hat in München einen guten Klang. Denn hier an der Isar, bei Hans Werner Henzes Musik-Biennale machte der chinesische Komponist 1996 großen Eindruck - mit seiner ersten Oper "Marco Polo".

"Ich hatte immer das Glück, von großen Meistern unterstützt zu werden. Ohne Henze würde Deutschland mich sicher nicht kennen", sagt Tan Dun heute lachend. Der 49-Jährige steht erstmals am Pult der Münchner Philharmoniker, mit denen er eine Ouvertüre von Schostakowitsch, Borodins "Polowetzer Tänze" und sein eigenes Werk "The Map" aufführt (heute und morgen, Gasteig).

Zwischen "Marco Polo" und "Map" liegen für Tan Dun Welten. "Bis 1999 wollte ich Traditionen zerstören und so fremd wie möglich schreiben. Jetzt möchte ich zwar immer noch ein neues Publikum ins Konzert locken, aber das alte keineswegs vergraulen, sondern ebenfalls erobern."

"Map", sein Konzert für Cello, Video und Orchester verbindet Alt und Neu, Video und Audio. Zwei Orchester sind zu hören: die Münchner Philharmoniker live und per Video ein traditionelles Orchester aus seiner chinesischen Heimatstadt. "In meiner Kindheit gab es dort viele gute Musiker. Sie sterben langsam aus. Deshalb habe ich ihr Spiel per Video festgehalten, um ihre Musik mit der Avantgarde zu verschmelzen." Die Begriffe kombinieren oder verbinden mag Tan Dun nicht. "Das klingt zu physikalisch, es funktioniert eher chemisch", erklärt der Komponist, der wie Bartó´k die traditionelle Volksmusik seiner Heimat "sammelte".

Zu Zeiten der Kulturrevolution wurde Tan Dun als gebildeter junger Mann gezwungen, als Bauer zu arbeiten. "16 Stunden am Tag schuftete ich in den Reisfeldern, damit mein Geist vom ,Gift der Bildung’ gesäubert würde. Damals begann ich, die Musik des Volkes zu studieren, alle chinesischen Instrumente zu erlernen. Ich glaubte an Maos Vergiftungstheorie und wollte mich reinigen. Heute kann ich ihm fast dankbar sein."

Nicht nur für seine Musik, auch fürs praktische Leben hat er in diesen Jahren viel gelernt: "Ich kann alles reparieren, Wände mauern, elektrische Leitungen verlegen. Heute ist das mein Hobby", schmunzelt Tan Dun.

Den ersten Kontakt mit westlicher Musik hatte er nach der Kulturrevolution, 1977. Bei einem Gastspiel des Philadelphia Orchestra hörte er Beethovens Fünfte und war geschockt. "Einerseits als Mensch durch die Kraft dieser Musik. Dann aber auch als in der chinesischen Tradition stehender Musiker." In diesem Schock gebar der 30-Jährige den Wunsch, Komponist und Dirigent zu werden. Er studierte am Konservatorium in Peking, setzte seine Studien an der Columbia University in New York fort, wo er auch promovierte. Nur 15 Jahre nach seinem ersten Hören des Philadelphia Orchestra stand er bereits am Pult dieses Orchesters - "mit Tränen in den Augen".

"Bis 1999 wollte ich so fremd wie möglich schreiben."

Tan Dun

Natürlich fühlt Tan Dun, der in New York und Shanghai lebt, sich als Wanderer zwischen den Kulturen, auch zwischen der Vergangenheit und der Jetztzeit. Dabei hat er eine innere Balance gefunden und seine eigene Philosophie entwickelt, die er in eine kurze Formel packt: "Eins und eins ist eins. Die letzte Eins bin ich, und die beiden ersten stehen für Ost und West, Alt und Neu, Video und Klang."

Als dirigierender Komponist bewundert Tan Dun die Kollegen Gustav Mahler und Leonard Bernstein, die viel Eigenes, aber auch ein großes Repertoire dirigiert haben. Er selbst gewann etwa bei Bartó´k oder Strawinsky tiefe Einsichten nicht beim Partiturstudium, sondern beim Dirigieren. "Es ist der beste Weg zu lernen." Als Dirigent bezog Tan Dun auch Anregungen aus der Schamanen-Kultur: "Vor dem Orchester fühle ich mich wie ein Schamane. Ich muss die Musiker mit meinen Gedanken dazu bringen, mit mir an meinen Traum zu glauben. Einen Traum, der Vergangenheit und Zukunft, Ost und West eint."

Momentan empfinden die Chinesen seine Musik nicht als chinesisch. "Aber das ging Bartó´k mit den Ungarn sicher ähnlich", lächelt Tan Dun, der sich gleichwohl freut, dass er zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking als Musikdirektor eingeladen wurde.

Noch vor zehn Jahren galt er als zu avantgardistisch und kapitalistisch. "Jetzt bin ich ein Held", amüsiert sich der Komponist, der für seine Filmmusik zu Ang Lees "Tiger and Dragon" sogar einen Oscar bekam und im Dezember an der Met seine neue Oper "The first Emperor" mit Plá´cido Domingo herausbringt.

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