Dirne und Dichter

- "Was ist Ruhm?", fragt der Dichter im "Reigen". Die Schauspielstudenten des zweiten Jahrgangs der Otto-Falckenberg-Schule mögen sich das so oder so ähnlich auch fragen, befinden sie sich doch möglicherweise selbst auf dem Weg dorthin. Jedenfalls zeigen sie jetzt in einer Studio-Inszenierung das einstige Skandalstück Arthur Schnitzlers aus dem Jahr 1896.

Es ist Zufall, dass beide Münchner Schauspielklassen zeitgleich mit ihren Produktionen herauskamen. Nach dem üppig bis luxuriös produzierten "Tollen Tag" der freistaatlichen Theaterakademie nun die kleinere, bescheidenere Leistungsschau der städtischen, zu den Kammerspielen gehörenden Falckenberg-Schule.<BR><BR>"Der Reigen" ist die desillusionierende Sicht auf die auf bloße Triebbefriedigung reduzierten Beziehungen zwischen Mann und Frau. Das gesellschaftliche Muster ist dem Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts entnommen. Die Standespalette reicht von Soldat bis Dirne, Stubenmädchen bis Gatte, süßes Mädel bis Dichter, Schauspielerin bis Graf. Insgesamt zehn Rollen, zehn Paare. Für jeden der Schauspielschüler also zwei schöne Szenen. Regisseur Paul Burian lässt sie zunächst alle wie en passant flanieren. Sich anblicken, Witterung aufnehmen, Bereitschaft signalisieren. Eine starke Eingangsszene. Zwei lösen sich aus der Gruppe, beginnen das Spiel, die anderen nehmen an der Seite Platz. Da gibt es viele schöne schauspielerische Momente. Und melancholische Stimmungen, wenn sie voller Wehmut das "Heideröslein" singen. Die jungen Darsteller brauchen einigen Mut, sich ihren Figuren zu öffnen, jede Szene auf die schnelle sexuelle Befriedigung hin zu spielen. Das gelingt in der künstlerischen Umsetzung mal mehr, mal weniger gut: Ismail Deniz, Katharina Uhland, Undine Schmiedl, Florian Thunemann, Veronika Reichard, Florian Schmidt-Gahlen, Anne Schramm, Camill Jammal, Julia Eder und, ihm am besten, Daniel Breitfelder.<BR><BR>Wie überzeugend die Einzelnen sind, ist hier aber nicht die Frage. Vielmehr, ob "Der Reigen" das richtige Stück für die Schauspielstudenten ist. Sprachlich nämlich sind sie ihm keineswegs gewachsen; denn Schnitzlers Figuren charakterisieren sich wesentlich übers Wienerische. Eine Klangfarbe des Gefühls, die den jungen Akteuren ganz fremd zu sein scheint. Die auch vom Regisseur nicht eingefordert wurde. Zudem mangelt es logischerweise an schauspielerischen Erfahrungswerten für eine realistische Darstellung dieser Gesellschaftstypen. Wenn sie die erst einmal gesammelt haben, wissen sie vielleicht auch, was Ruhm ist. Bis dahin aber haben sie noch ein bisschen falckenbergschulgeschützte Zeit.<P>Nächste Vorstellungen: 16., 18., 22. 27., 28.7. Tel. 089/233 37 082 oder -083.<BR></P>

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