Diskret indiskret

- "Der König der Indiskreten" - so feiert im August 1931 der französische Premierminister Aristide Briand den deutschen Fotografen Erich Salomon (1886-1944). Schauplatz ist Den Haag, die Zweite Hager Konferenz. Für den Berliner Salomon kein seltenes Reiseziel, denn es ist die Heimatstadt seiner Frau Maggy. Als Fotoreporter ist der 44-Jährige noch ein Neuling. Seit zwei Jahren übt er diesen Beruf erst aus. Aber gerade hat er sich eine Leica zugelegt, seiner Zukunft als Bildjournalist steht nichts mehr im Wege. Zunächst jedenfalls nichts.

<P>Er fertigt Bildreportagen in Berlin, London, Holland und Amerika. Von Gerichtsprozessen, politischen Kongressen, Parlamentssitzungen, Damen-Programmen. Er lichtet die sozusagen bessere Gesellschaft ab. Und nicht nur politische Protagonisten wie Gustav Stresemann oder Franklin D. Roosevelt, sondern auch die künstlerische, intellektuelle Elite wie Wilhelm Furtwängler, Marlene Dietrich, Albert Einstein. Salomons spezieller Blick für Spannung und Stimmung, das diskret Indiskrete, seine Menschenkenntnis, der ästhetische Anspruch an jedes einzelne Foto machen ihn zu einem der ganz Großen seines Fachs. Und natürlich auch sein Humor. Dem hat er überhaupt diesen "Berufswechsel" zu verdanken.</P><P>Als Bankierssohn studiert er zunächst in München und Berlin Jura. Doch als sich nach dem Ersten Weltkrieg das Familienvermögen drastisch reduziert, schlägt der kreative Salomon einen anderen Weg ein: erst einmal vier Jahre Börsenmakler; dann gründet er ein Taxiunternehmen _ mit zwei Batterie-betriebenen Autos und einem Motorrad mit Beiwagen, das er selbst fährt. Folgende Anzeige Salomons in der "Vossischen Zeitung" bringt ihm 1925 Aufmerksamkeit und schließlich Reportage-Aufträge vom Ullstein-Verlag: "Dr. der Jurisprudenz gibt Ihnen während der Beförderung Instruktionen über die Regierungsmaßnahmen zur Währungsumstellung von der Deutschen Mark zur Rentenmark." </P><P>Dass es heute in seiner Heimatstadt ein Erich Salomon-Archiv in der Berlinischen Galerie gibt, das die Voraussetzung für den soeben erschienenen exzellenten Bildband ist, grenzt an ein Wunder. Denn Erich Salomon, der jüdische Fotograf aus Berlin, der erstmals 44-jährig anlässlich eines Konzerts von Einstein eine Synagoge betritt, wird, verraten durch einen Beamten der Den Haager Gaswerke, 1943 im Exil verhaftet, zusammen mit seiner Frau und seinem jüngsten Sohn ins KZ Theresienstadt verschleppt und von dort aus ins Vernichtungslager Auschwitz, wo er am 7. Juli ermordet wird. Frau und Sohn sind dort gleichfalls umgekommen. Es überlebt nur Salomons ältester Sohn Otto Erich, der sich im englischen Exil den Namen Peter Hunter gibt. Alles, was der Vater von seinem Archiv an sicheren Orten verwahren konnte, überließ Hunter 1980 dem Land Berlin. </P><P>Eine einzigartige Dokumentation, deren Fotos man begierig studiert. Die Essays dazu liest man mit Interesse und tiefer Erschütterung.</P>Erich Salomon: "Photographien 1928-1938". Hrsg. Janos Frecot. Schirmer/Mosel, München; 49, 80 Euro.

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