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Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal (links) und Kulturreferent Hans-Georg Küppers.

Diskussion mit Stadtrat

Diskussion über Kammerspiele: Der Intendant muss antanzen

Kulturkrise oder Sturm im Wasserglas? Der Stadtrat diskutierte gestern über die Neuausrichtung der Kammerspiele. Die CSU ist unzufrieden mit Intendant Matthias Lilienthal: Abo-Publikum werde vergrault. Kulturreferent Küppers stellte sich hinter den Theatermann. Auch SPD, Grüne und FDP verstehen die CSU-Kritik nicht.

Wortspiele in Zusammenhang mit den Kammerspielen bieten sich geradezu an. „Jammerspiele“, „Kummerspiele“ – in den vergangenen Wochen war viel zu lesen über Münchens Theaterhaus mit internationaler Strahlkraft. Intendant Matthias Lilienthal – Berliner mit Schlabberlook – sah sich großer Kritik ausgesetzt: Die Traditionsbühne verkomme zum gesellschaftspolitischen Experimentierfeld. Zu wenig klassisches Theater, zu viel Performance. Lilienthal inszenierte Kunstprojekte über Schlepper, über den Münchner Mietpreiswahnsinn, holte die freie Szene ins Stadttheater.

Hinter den Kulissen brodelt es deswegen. Das Stück „Unterwerfung“ nach Houllebeqcs Roman kam nicht zur Aufführung, weil der französische Regisseur Julien Gosselin das Handtuch warf – er habe sich gegängelt gefühlt, hieß es. Und schließlich der Paukenschlag: Die Ensemble-Mitglieder Brigitte Hobmeier, Katja Bürkle und Anna Drexler kündigten aus Unzufriedenheit. Und das im familiären Vorzeige-Betrieb – das bürgerliche München wittert einen Skandal.

„Krise? Die Kammerspiele sind in einem Veränderungsprozess“

Gestern musste Lilienthal auf Antrag der CSU-Fraktion im Kulturausschuss Rede und Antwort stehen. Die Stadt subventioniert die Kammerspiele mit 28 Millionen Euro pro Jahr. Der Rechtfertigungsdruck ist also nicht gerade gering – auch wenn die Theaterwelt nicht aus den Fugen geraten ist, wie Kulturreferent Hans-Georg Küppers (SPD) findet: „Krise? Nein! Die Kammerspiele sind in einem Veränderungsprozess. Das braucht Zeit“, sagte Küppers. „Ich glaube, der Funke wird irgendwann überspringen.“

Lilienthal präsentierte einige Zahlen. 73 Prozent sei die Platzauslastung während seiner ersten Spielzeit gewesen (insgesamt 153 000 Besucher) – das liege knapp über dem statistischen Mittel der Kammerspiele in den vergangenen 13 Jahren. „Das werte ich als Erfolg.“ Der Intendant räumte ein, dass 18 Prozent der Abo-Kunden gekündigt hätten. Dafür sei der freie Verkauf gestiegen, unter anderem habe sich der Anteil der Studenten unter den Besuchern von 13 auf 20 Prozent erhöht.

SPD, Grüne und FDP halten Kritik für überzogen

CSU-Stadtrat Richard Quaas sagte, einerseits betrachte er Lilienthals Experiment „mit Gelassenheit“. Andererseits: „Ein Großteil des Publikums fühlt sich in den Kammerspielen nicht mehr zu Hause.“ Die Abstimmung über die programmatische Ausrichtung erfolge letztlich mit den Füßen. Und die Kammerspiele seien schon auch ein Stadttheater, in dem sich das Publikum wiederfinden müsse. Auch die Diskussion in den Medien dürfe man nicht einfach beiseite wischen. Fraktionskollege Marian Offman ergänzte: „Viele Menschen sind traurig über die Entwicklung in den Kammerspielen.“

SPD, Grüne und FDP hielten die Kritik für überzogen und mahnten zur Geduld. Julia Schönfeld-Knor (SPD) sagte: „Was jetzt passiert, ist doch wunderbar. Eine ganze Stadt diskutiert über ein Theater. Genau das ist der richtige Weg.“ Der Stadtrat habe sich mit Lilienthal für einen Paradigmenwechel entschieden. Nun müsse man ihm Zeit geben. Florian Roth (Grüne) empfand die Kritik der CSU als „Sturm im Wasserglas“. Lilienthal öffne sich gesellschaftlichen Debatten: „Ein Prozess, den wir wollten.“ Und augenzwinkernd fügte er an: „So schlimm, wie man denkt, wird es in München nie.“

Lilienthal bleibt ruhig und bedankt sich am Ende der Debatte

Küppers hatte Lilienthal, der als Chefdramaturg an der Berliner Volksbühne und als künstlerischer Leiter am „Hebbel am Ufer“ gefeiert war, 2015 als Nachfolger von Johan Simons nach München geholt. Jetzt legt man dem Berliner zur Last, er verpflanze seine Haudraufstrategie, die gerne politische Botschaften beinhaltet, in die bayerische Landeshauptstadt. Wolfgang Heubisch (FDP) konnte darüber nur schmunzeln: „Jetzt kommt der Lilienthal nach München und macht das, wofür er in Berlin gestanden ist – starker Tobak“, bemerkte der ehemalige Kunstminister süffisant in Richtung CSU. Kleinkariert sei diese Diskussion.

Lilienthal selbst verfolgte die gut 90-minütige Debatte ruhig. Am Ende bedankte er sich für die „Intensität“ der Diskussion, stellte klar, dass die Kammerspiele schon auch sehr viele klassische Theaterproduktionen aufführten und es ihm um jeden Abonnenten leid tue. Prinzipiell aber gelte: „Die Mischung ist mein Interesse.“

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