Aus der Distanz

- Was veranlasst eine junge Regisseurin, ein Stück über einen alternden Mann zu inszenieren? Warum muss es ausgerechnet Henrik Ibsens "Baumeister Solness" sein? Sind es die höchst potenten Schauspieler - Lambert Hamel in der Titelrolle und Cornelia Froboess als seine Frau Aline -, die nach einem ihnen angemessenen Stoff verlangen?

 Ist es der 100. Todestag des norwegischen Dramatikers, den die Welt heuer am 23. Mai beging? Hat die Intendanz des Bayerischen Staatsschauspiels der Regisseurin angetragen, dieses Stück als zweite Ibsen-Premiere dieser Saison zu inszenieren - und zwar für den 2. Juni, ziemlich dicht nach dem hier erst kürzlich herausgekommenen "Brand"?

Von den Alten profitieren

Nichts davon. Selbstbewusst weist Tina Lanik (Jahrgang 1974) das alles von sich: "Das war eine völlig unpragmatische Entscheidung. Es war einzig und allein mein Wunsch. Ich finde es für mich besser, Stücke zu inszenieren, die thematisch von mir selbst weit weg sind, die ich sozusagen aus der Distanz beobachten kann. Solness ist eine Figur, die mit mir nichts zu tun hat, außer vielleicht, dass ich ältere Männer mag."

Zugegeben, "Baumeister Solness" ist nicht bloß die Geschichte eines Ehepaares in mittleren Jahren. Es ist vor allem die Geschichte eines Künstlers, in diesem Falle des Baumeisters, der einerseits die Konkurrenz der nachrückenden Generation fürchtet, aber andererseits die Jugend - hier in Gestalt des jungen Mädchens Hilde Wangel - braucht, um noch einmal seinen Träumen nachzugehen.

Tina Lanik: "Mich hat das Verhältnis zwischen Hilde und Solness sehr interessiert. Da schwingen 150 Jahre Freud mit. Diese beiden sind nicht gerade Realisten. Sie treffen sich in ihren Träumen, ihrer Einbildung, ihren Wünschen, die sie in ihre Wirklichkeit zu übertragen versuchen."

Und über die Titelfigur: "Jemand, der Angst hat vor dem Älterwerden und der deswegen niemanden hochkommen lässt - das ist doch sehr zeitgemäß." Mitgefühl schwingt mit für das glücklos lebende Ehepaar: "Ich finde, dass sie beide wahnsinnig einsame Menschen sind." In deren freudlose Welt bricht Hilde Wangel ein. Kind-Ersatz, Frau-Ersatz, Ersatz für alle verlorenen Illusionen.

Um jedes "Girlie-Klischee" zu vermeiden, hat die Regisseurin diese Rolle mit Marina Galic, einem wie sie sagt "dunklen Typ", besetzt: "Hilde ist ein Mädchen, das seinen Weg konsequent verfolgt, seinen Wunschtraum eingelöst wissen will, um jeden Preis, was ihr am Ende auch gelingt. Aber für mich ist klar, wenn Solness ihr zuliebe noch einmal wie vor zehn Jahren den Turm besteigt, um selbst den Richtkranz zu befestigen, weiß er, dass er lebend nicht mehr runter kommt."

Tina Lanik, die am Bayerischen Staatsschauspiel u.a. Grabbes "Herzog Theodor von Gothland" inszeniert und die sich in Berlin ("Kaufmann von Venedig") und Stuttgart ("Die Jungfrau von Orleans") mutig an allerlei schwere Klassiker gewagt hat, wird ab der kommenden Spielzeit fest zu Dieter Dorns Ensemble gehören. Um als Junge von den großen Alten zu profitieren? "Ja, es ist schon toll, mit Schauspielern wie Hamel und Froboess zu arbeiten. Sie bringen von sich aus so viel mit. Man kann an einem ganz anderen Punkt anfangen zu probieren. Es ist ein Genuss."

Die feste Bindung an ein Haus hat wohl auch etwas mit der Bereitschaft zu tun, Verantwortung zu übernehmen und innerhalb eines Ensembles in größerer Kontinuität zu arbeiten. Vielleicht auch, um so heftige Verrisse zu vermeiden, wie sie Tina Lanik im Gegensatz zu ihren Münchner Arbeiten teilweise in Stuttgart und Berlin hatte einstecken müssen? "Eigentlich weiß ich schon immer selber, was gut oder nicht gut war, wo ich zu blauäugig rangegangen bin. Das beschäftigt einen schon. Aber letztlich lernt man von den Misserfolgen mehr als vom Erfolg."

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