Distanz eines Abgeklärten

- Welten klaffen zwischen beiden: hier Simon Rattle der Uraufführungsdirigent, der Spontane, Lebensfrohe, hypersensibel und ansteckend lustvoll; dort Christian Thielemann, der Klangbalancierer, der Tüftler, der instinktiv den dramatischen Moment und die "richtige" Instrumentenmischung erfasst. Und irgendwie drängt sich der Verdacht auf, dass Hans Werner Henzes zehnte Symphonie doch besser zu Letzterem passt. Denn obwohl der Komponist mit den Satztiteln Theatralisches, Tonmalerisches suggeriert: Sein "Sturm" ist immer ästhetisierter Orkan, sein "Tanz" bleibt immer Reflexion über Rhythmik, sein "Traum" lässt - trotz des Visionären - stets die Distanz eines Abgeklärten spüren.

Viel Zeit hat Thielemann bei den Münchner Philharmonikern für die jüngste Konzertserie im Gasteig investiert. Was sich auszahlte: Seine Lesart des Werks schien ideal den Geist dieses symphonischen Vermächtnisses zu erfassen, schien sogar klanglich überzeugender als Bruckners Fünfte im Antrittskonzert des neuen Generalmusikdirektors. Was an der Zehnten von Henze, der selbst den Schlussjubel entgegen nahm, so berührt, ist die Souveränität, mit der hier einer alle Dogmen hinter sich lässt, mit der er seine Erfahrung gleichsam "ausatmet", ist auch die enorme Instrumentationskunst, aus der doch in jedem Takt die Liebe zum klassischen (hier um großes Schlagwerk erweiterten) Orchester spricht.<BR><BR>Rudolf Buchbinders kristalline Lyrik <P>Thielemann und die Philharmoniker formulierten genau die wachsende Motorik des "Sturms" mit seinen floskelhaften Einsprengseln, absolvierten den "Tanz" fast lässig, weniger entfesselt. Und im finalen "Traum", wo die Musik im entmaterialisierten Zustand wogt und immer wieder zur Verfestigung drängt, gelangen Momente von starker, sinnlicher Intensität. Zum Höhepunkt indes wurde der zweite Satz, der "Hymnus", den sich Henze als Streicherfutter für das Uraufführungsorchester aus Birmingham dachte und den die Philharmoniker nun mit dunkler Emphase "sangen".<BR><BR>Dass Thielemann vor die Henze-Symphonie ein weiteres Schwergewicht, nämlich Brahms' erstes Klavierkonzert spannte, hielt den Abend im Gleichgewicht. Im ersten Satz fanden zwar Rudolf Buchbinder, der eine recht freie Agogik bevorzugte, und das Orchester noch nicht ganz zusammen. Doch ab dem Adagio ereignete sich Einzigartiges. Buchbinder spielte mit kristalliner Lyrik, Thielemann vertiefte den Orchesterpart mit dem ihm so eigenen Gefühl für substanzreiche Klanglichkeit. Ohne Aufgeregtheit steigerte das Gespann den Schlusssatz. Buchbinders heller, scharf umrissener Furor korrespondierte mit dem klug analysierten symphonischen Umfeld - heftiger Applaus nach dieser Deutung. Und zugleich leichte Enttäuschung: Bis zu Thielemanns nächstem Brahms, der ersten Symphonie, dauert's noch sieben Monate. </P><P><BR> </P>

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