Aus der Distanz des Ostpreußen

- "Das fünfte Rad am Wagen fühlt sich einerseits überflüssig, andererseits wichtig. Das macht eitel. Kritiker sind es." So schrieb Joachim Kaiser einst in seinem bei Rowohlt erschienenen "Kleinen Theatertagebuch". Nun stellt sich der Kritiker selbst der Kritik: Joachim Kaiser, dieser Institution des deutschen Feuilletons, widmet jetzt das Münchner Literaturhaus eine Ausstellung. Anlass ist der heutige 75. Geburtstag des verehrten SZ-Journalisten.

<P>Das Besondere an ihm, jenseits der viel gerühmten und selten gewordenen umfassenden Kompetenz auf allen Gebieten: Kaiser ist einerseits als feste Größe in der Münchner Gesellschaft integriert beziehungsweise von ihr vereinnahmt; andererseits verschafft ihm sein hartnäckig gepflegter ostpreußischer Tonfall jene Distanz und Fremdheit, die ein Teil seiner außergewöhnlichen Rezensenten-Aura ist.</P><P>Joachim Kaiser als Gegenstand einer Ausstellung - das stellt die Macher vor schwer lösbare Probleme. Widersetzt sich schon Literatur der sinnlichen Verbildlichung in einer Galerie, tut es dies die Zeitungskritik erst recht. Marietta Piekenbrock hat sich dieser heiklen Aufgabe angenommen und unter dem Motto "Ich bin der letzte Mohikaner" (Kaiser-Zitat aus einem Interview) das Bestmögliche daraus gemacht.</P><P>So erweist sich die Schau nicht als Versuch, die Biografie des 1928 in Milken in Masuren geborenen Landarzt-Sohnes nachzustellen. Sie versinnbildlicht vielmehr in Form kleiner Kabinette die unterschiedlichen "Bewusstseins-Facetten": Kaiser, der Musikkritiker; Kaiser, der Literaturmensch und Mann der Gruppe 47; Kaiser, der Schauspielrezensent; Kaiser, der Rundfunk-Klassik-Plauderer; Kaiser, der TV-Diskutant; Kaiser, der Radfahrer - als Art Reliquie ist hier eines seiner zwei Fahrräder ausgestellt. Und eine ganze Reclamheft-Wand suggeriert schließlich die literarische Allwissenheit des Gefeierten.</P><P>"So charmant Sie sind,<BR>so infam sind Sie."<BR>Peter Handke</P><P>Die Außenwände mit SZ-Artikeln tapeziert, findet man im Inneren das, was das Herz der Kaiser-Schau ausmacht: den bemerkenswerten Briefwechsel mit Protagonisten der Literatur-, Musik- und Theaterwelt. Die von gegenseitiger Hochachtung getragene Korrespondenz mit Adorno ist Respekt einflößend. Beachtlich die Beschwerdebriefe mancher Theaterleute wie Frank Baumbauer oder Hannelore Hoger. Hochinteressant die Post von Schriftstellern wie Ingeborg Bachmann oder Max Frisch, Peter Weiss oder Rolf Hochhuth, Günter Grass oder Hans Magnus Enzensberger. Sowie jene zwei Briefe Peter Handkes, der 1966 an Kaiser schrieb: "So charmant Sie sind, so infam sind Sie", und darum bat, ihn totzuschweigen, denn: "Es wäre mir zuwider, von Ihnen erwähnt zu werden." 20 Jahre später bedankt sich derselbe Dichter brav und überschwänglich für eine Besprechung seines Buchs. </P><P>Bis 22. 2. Mo.-Fr. 11-19 Uhr, Sa., So., Feiertag 10-18 Uhr. Tel. 089/ 29 19 34 27.<BR></P>

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