Diva mit Engelsstimme

- Was die Fans in Fraktionen spaltete und Klatschspalten füllte, war letztlich nur eine Geschmacksfrage: hier die 180-prozentige Starkstromkunst von Maria Callas, dort der weich gezeichnete Lyrismus von Renata Tebaldi. Eine "voce d'angelo", so schwärmte auch ihr Förderer Arturo Toscanini einst, in der Nacht zum Sonntag ist die Sopranistin mit der Engelsstimme 82-jährig in San Marino gestorben.

<P>Legendär ist nicht nur ihr dunkel leuchtender Klang, der Desdemona, Mimi oder Violetta die adäquate Vokalaura verlieh, legendär ist auch die Fehde Callas-Tebaldi. "Ich habe etwas, was die Callas bestimmt nicht hat - nämlich Herz", sagte die Tebaldi einst. Und ließ sich doch mit der Kontrahentin bereitwillig für die Presse ablichten - Kampf also als Mittel fürs Geschäft. Mitte der 50er-Jahre wich die Tebaldi schließlich der Rivalin aus. An der New Yorker Met feierte sie ihre größten Triumphe, die Opernwelt erwies sich als groß genug für zwei Diven-Reviere.</P><P>Renata Tebaldi stammte aus Pesaro und hätte eigentlich Drogistin werden sollen. Ihre Jugend war überschattet von den familiären Verhältnissen (der für tot gehaltene Papa tauchte eines Tages überraschend wieder auf) und die Erkrankung an Kinderlähmung. Noch lange litt sie unter den Spätfolgen, ihre eher statuarische Bühnenpräsenz war wohl diesem Leiden geschuldet.</P><P>1946 holte sie Toscanini zur Wiedereröffnung der kriegszerstörten Scala, wo sie den Sopranpart in Verdis "Te Deum" übernahm. Obwohl eher dem süßlichen Melos als metallischer Dramatik verpflichtet, sang sie später Tosca, Aida oder "La Gioconda". Als in den 60er-Jahren die abgöttisch geliebte Mutter starb, fiel die Tebaldi in eine künstlerische und persönliche Krise. Ein Jahr Bühnenabstinenz sollte die hörbar angestrengte Stimme kurieren, den einstigen verführerischen Klang konnte sie jedoch nicht mehr finden.</P><P>Nach dem Comeback gastierte Renata Tebaldi auch in Südamerika und Japan, 1973 zog sie sich mit einem New Yorker "Othello" von der Bühne zurück, um noch vereinzelt Konzerte zu geben, unter anderem auf einer umjubelten Russland-Tournee.</P><P>"Mit der Oper verband mich über die längste Zeit meines Lebens eine schier unauflösliche Liebesbeziehung", sagte die Italienerin einmal. "Der Gesang war der Inhalt meines Lebens, so sehr, dass ich nie eine Familie gründen konnte." Nach ihrem Rückzug aus dem Rampenlicht lebte die Tebaldi zurückgezogen in Mailand und San Marino. Und die Frage, warum sie nicht mehr gesungen habe, pflegte die zurückhaltende, damenhafte Primadonna stets mit derselben Formel zu beantworten: "weil ich eine gute Erinnerung von mir hinterlassen wollte".</P>

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