Von Docken und Dampfloks

- Fast schon Denkmal-Statur hat das weiße Ross aus Niederbayern - ist aber doch ein Schaukelpferd. Stolz, schön und wirklich kinder-sympathisch lädt dieser dralle Schimmel ein in "Die Welt im Kleinen - Kulturgeschichte des Spielzeugs" in Münchens Bayerischem Nationalmuseum. In der Vorweihnachtszeit kann es ja seinen Top-Bonus, die exzeptionelle Krippen-Sammlung, voll ausspielen; und nun wird dieser Höhepunkt auch noch mit einer äußerst reizvollen Schau alter Spielsachen abgerundet. Das Haus griff auf eigene, noch nie gezeigte und nun restaurierte Bestände zurück. Leihgaben leistete man sich aus finanziellen Gründen nicht.

<P>Altar zum Ausprobieren<BR><BR>Es gibt also keinen systematischen historischen Überblick, sondern einige Schwerpunkte wie Puppenstuben oder Holzobjekte aus Heimarbeit von Oberammergau, Berchtesgaden, dem Grödner Tal und Erzgebirge, Spiele aus Papier und natürlich Bücher; außerdem eine hinreißende Zinnfiguren-Präsentation, ein zierlicher, bunt-froher Traum von einer Welt zwischen Zirkus, Jagd und Dampflok.</P><P>Als eigenständige Persönlichkeiten wurden Kinder erst Ende des 18. Jahrhunderts wahrgenommen, vorher sah man sie als gewissermaßen unfertige Erwachsene. Die Wohlhabenden leisteten sich ab dem Biedermeier eine ausgefeilte Erziehung, zu der auch das Spiel gehörte. Spielsachen wurden in Folge dessen professionell produziert. Es gab bereits Warenkataloge und Märkte. </P><P>Nur diese "gehobenen" Gegenstände wurden überliefert. Die Ausstellung, die Nina Gockerell konzipiert hat (Gestaltung: Florian Raff), erinnert zugleich an den Spaß ohne "Spielmittel" wie Fangermandl, Blinde Kuh oder Ringelreihen. Erinnert, wie Kinder auf die späteren Geschlechterrollen vorbereitet wurden: Pferd, Kutsche, Soldaten oder, damals durchaus beliebt, ein Altar zum Ausprobieren für den Buben; würdige Hausmütter oder Babys als Puppen fürs Mädchen. Etwas Besonderes: Das Museum hat ganz frühe Puppen, die tönernen Kruseler-Figuren (nach der gekräuselten Haube) aus dem 14./15. Jahrhundert.<BR><BR>Neben dem zum Teil höchst luxuriösen Spielzeug wie Puppenhäusern, -zimmern, -küchen und -kaufhäusern, die manchmal reine Schaustücke waren, faszinieren die schlichten Sachen aus Heimarbeit. Ob im Alpenraum, ob im Erzgebirge, die Menschen konnten sich von der Landwirtschaft kaum ernähren. Deswegen sind viele der Hampelmänner, Docken, Steckengaukler, Klingkästchen oder Gliederpuppen auch von Kindern hergestellt worden, die ihre Familie miternähren mussten. So geriet eine Grödnerin sogar bis nach London, wo sie liebevoll zu einer Hausiererin ausstaffiert wurde. Sie bietet nicht nur Spitzen, Fächer, Kännchen oder Knöpfe an, sondern auch ein winziges Pendant ihrer selbst. <BR><BR>Ein Spielzeugbereich, sonst wenig beachtet, wird im Nationalmuseum ausführlich präsentiert: Papier. Klebealbum, Kubusspiel, allerliebst-biedermeierliche Puzzles, eine ganz tolle, zerlegbare Weltkugel (Warum wird so etwas nicht nachgebaut?), Eisenbahn aus Pappe, Gemäldegalerie und bezaubernde Guckkästen mit phänomenaler Bühnentiefe. Der Besucher begegnet bei diesem optischen Spielen dann obendrein den Vorläufern vom Diaprojektor, der Laterna magica, und Film, den Zauberscheiben.<BR><BR>Spielen darf man mit all diesen Preziosen nicht - mit Ausnahme der Schusserbahn.</P><P>Bis 29. Februar 2004, Katalog: 9,80 Euro, Tel. 089/ 21 12 42 16</P><P>@ www.bayerisches-nationalmuseum.de.<BR></P>

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