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Ein Höhepunkt der documenta (13): William Kentridges spektakuläre Installation „The Refusal of Time“.

Von der Schnitzeljagd zur großen Kunst

Kassel - Die documenta (13) in Kassel ist jetzt, nach drei Pressetagen, für die Öffentlichkeit zugänglich. Und wir setzen miteinem zweiten Artikel unseren Rundgang durch die weltweit wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst fort.

Die „klassischen“ Spielstätten Fridericianum und documenta-Halle hatten einem die Ideenwelt der vielfachen Verknüpfungen, auf die die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev so großen Wert legt, nahegebracht. Dass ihr Hang zur Natur nicht modische Attitüde ist, hatten bereits die im ersten Artikel erwähnten Arbeiten im Naturkundemuseum Ottoneum oder so etwas Handfest-Praktisches wie der Schmetterlingsgarten bewiesen.

Natur aber in Hülle und Fülle am eigenen Leib genießen kann der Besucher nur in der Karlsaue. In der Orangerie wird er noch von Mika Taanilas Video-Triptychon vor der Naturvernichtung durch Atomenergie gewarnt, die sich in Form eines Monsterbaus in die traumschöne Landschaft Finnlands klotzt. Und auch Giuseppe Penones abgestorbener Baum (Bronzeguss), in dessen kahlen Ästen ein eiförmiger Felsbrocken ruht, scheint uns zu mahnen. Dennoch kann niemand dem Blühen und Grünen, dem Optimismus des Parks wiederstehen. Deswegen ist es besser, die Orangerie links liegen zu lassen, zumal die schwachen Kunstwerke im ansonsten interessanten Astronomisch-Physikalischen Kabinett (alte Chronometer bis alte Computer) getrost vergessen werden dürfen.

Wer nicht gut zu Fuß ist, sollte sich für die Schnitzeljagd nach all den sichtbaren oder im Dickicht beziehungsweise in Hütten versteckten Arbeiten ein Radl leihen. Sicherlich, es gibt eher Schmarriges (Araya Rasdjarmrearnsooks Video vom verhätschelten Hund, einem Ex-Streuner) zu entdecken, es gibt jedoch genauso Heiterkeit und Ernst. Wobei diese oft nicht auseinanderzuhalten sind. Ein frisch von Jimmi Durham und Christov-Bakargiev gepflanztes Obstbäumchen stimmt naturgemäß froh. Der Korbiniansapfel gemahnt zugleich an den bayerischen Pfarrer und Pomologen Korbinian Aigner (1885-1966; auch im Fridericianum präsent): Der hatte diese Sorte als Häftling im KZ Dachau gezüchtet.

Überhaupt ist es ein sehr sympathischer Zug der diesjährigen documenta, dass der Besucher mit verborgenen Ecken Kassels bekannt gemacht wird. Christov-Bakargiev hat sich einfühlsam engagiert – und eben nicht mit der bei vielen anderen documenta-Chefs zu spürenden Überheblichkeit der „Provinzstadt“ gegenüber.

Die Italo-Amerikanerin hat nicht nur zum Beispiel das desolate Hugenottenhaus (1826) Theaster Gates und arbeitslosen Bauarbeitern zur vital wuchernden Renovierung und das ehemalige Elisabeth-Krankenhaus afghanischen Künstlern als Auftrittsort überlassen, die Kuratorin hat außerdem die NS-Vergangenheit in der documenta (13) verankert.

Breitenau bei Kassel war ein „Arbeitserziehungslager“. In der Karlsaue findet man in Gunnar Richters Hütte viele Informationen dazu, und daraus wird – um einen Sprung zu machen – in der Neuen Galerie die Spottfigur des Esels aufgegriffen. Kasseler Nazis hatten 1933 damit Juden und die, die zu ihnen standen, bedroht. Mit einer ganzen Reihe von herzigen Plüsch-Eselchen, alle mit berühmten Namen von Che Guevara bis Geschwister Scholl versehen, konterkariert Sanja Ivekovic diese Häme. Das Böse wahrzunehmen und ins Heitere herüberzureißen, vermögen ebenfalls Janet Cardiff und George Bures Miller. Ihr Projekt für Kassels alten Hauptbahnhof sollte man nicht versäumen. Es ist mit Smartphone-für-jeden-Besucher topmodern, jedoch nicht als „hipper“ Selbstzweck. Du, der Film auf dem Display und die Bahnhofsgeräusche samt Erzählerinnenstimme im Kopfhörer – das ergibt hautnah erlebte Episoden, (NS-)Geschichte, Albtraum und ein Happy End, das nicht verraten wird.

Wenn wir schon beim „Bloß-nicht-Versäumen!“ sind: In einem Saal des Hessenland-Hotels ist die Performance von Tino Sehgal und seinen Akteuren schlichtweg toll. Sie vermittelt ein atemberaubendes Körpergefühl; wie – das soll ebenfalls nicht verraten werden.

In der Neuen Galerie, Museum für Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts, darf man sich auf keinen Fall Wael Shawkys Puppenfilme entgehen lassen. Ja, Marionetten. Mit exzellent-expressiver Mimik ausgestattet, hervorragend animiert, spielen sie Stationen der Kreuzzüge nach. Die Geschichte aus der Perspektive der Araber künstlerisch klug differenziert zu sehen, ist ein Muss. Im Übrigen nutzt Christov-Bakargiev die museale Aura, um (wie schon erwähnt) vergessene Künstler zu ehren. Herausragend hier die starken und unheimlichen Bronzeplastiken der brasilianischen Surrealistin Maria Martins (1894-1973).

Am Ende unseres Rundgangs nun der Höhepunkt der documenta (13). Im Hauptbahnhof verhandeln Künstler aus aller Welt Privatmythologien. Da gibt es etwa bei Tejal Shah seltsame Einhornmenschen, die nicht nur pragmatisch Mangrovenwälder von Plastikmüll befreien, sondern ihn auch mit Ritualen betuttern. Carolyn Christov-Bakargiev lässt Derartiges zu, gemäß ihrer allumfassenden Denkweise.

Was aber wirklich große, einmalige Kunst ist, zeigt Meister William Kentridge. Seine Installation „The Refusal of Time“ aus fünf Filmen und einer Elefanten-Beatmungsmaschine erzählt so hinreißend unterhaltsam wie wundervoll weise, so bildungssatt wie verständlich vom Phänomen Zeit und dem Menschen, der sich darin abstrampelt. Dabei lernen wir obendrein etwas über die Geburt der Musik aus der Zeit(-messung), über Theater und Film (Timing), Weltall und Ausbeutung. Dieses Lernen ist nichts als Spaß am eigenen Spintisieren/Philosophieren – und an Kentridges Können.

Simone Dattenberger

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