Dompteuse und Detektivin

- Annegret Hoberg kommt in diesen Wochen nicht zum Verschnaufen. Als Dompteuse so vieler verschiedener Tiere ist höchste Aufmerksamkeit gefordert. Denn ab 17. September müssen alle Viecher dem Publikum prächtig präsentiert werden. Da beginnt - wie unsere Zeitung als Medienpartner der Ausstellung bereits berichtete - die größte Franz-Marc-Schau, die es je gab. Sie zieht ins Münchner Lenbachhaus ein und in den Kunstbau. Hoberg arbeitet als Expertin für die Künstlergruppe "Der Blaue Reiter" an der Städtischen Galerie und vollendet heuer den dritten Band des Marc-Werkverzeichnisses.

Es werden neben dem Bestand des Lenbachhauses viele Bilder von Leihgebern zu sehen sein. Sie haben eine Detektivarbeit hinter sich.

Hoberg: Wir konnten auf unsere Erkenntnisse bauen, die wir durch die Recherchen zum Werkverzeichnis gewonnen hatten. Vor allem viele Arbeiten auf Papier sind in Privatbesitz verstreut. Es mussten zahllose Standorte aufgespürt werden. Auktionshäuser, Kunstvermittler und andere waren eine große Hilfe. Wir gingen alle Nachlasslisten von Maria Marc durch. Der Münchner Galerist Otto Stangl hatte sich lange und engagiert um das Vermächtnis gekümmert; dennoch sind Werke verkauft worden. Die 16 Gemälde, die beim Tod von Marc in öffentlichem Besitz waren, wurden von den Nazis alle als "entartet" eingezogen.

Welche freudigen Überraschungen gab es?

Hoberg: Schön ist es, wenn man Werke findet, die zwar durch die Literatur bekannt waren, aber niemals abgebildet wurden. Die das erste Mal zu sehen . . .; etwa die "Zwei Katzen rot und blau". Oder das "Liegende Pferd" - niemand hätte gedacht, dass wir den Besitzer herausbekommen. Etwas ganz Besonderes ist, dass die "Roten Pferde" noch einmal nach Europa ausgeliehen werden. Die Dauerleihgabe ist im Busch-Reisinger-Museum, Cambridge (USA), beheimatet. Das hat einen hohen Einsatz gefordert. Einige Arbeiten wie "Der Bison im Winter" waren noch nie ausgestellt.

Das legendäre Gemälde "Der Turm der blauen Pferde" ist verschollen. Sind Sie auf neue Erkenntnisse gestoßen?

Hoberg: Auch uns ist es nicht gelungen, das Bild zu finden. Dem Problem nähere ich mich mit nüchterner kunsthistorischer Arbeit. Das Werk wurde 1938 beschlagnahmt und von Göring als "international verwertbar" eingestuft, also für den Verkauf vorgesehen. Ab da verliert sich die Spur. Dass es noch 1945 im Reichsluftfahrtministerium an der Wand hing, ist nicht zu belegen. Es gibt viele, die glauben, dass das Gemälde noch existiert - auch ernst zu nehmende Forscher. Und es gibt viele Theorien, die sich nicht erhärten lassen.

Kochel hat ein kleines Franz-Marc-Museum. Wird dort irgendetwas Besonderes parallel zur Münchner Schau angeboten?

Hoberg: Nein, aber wir leihen von dort nicht viel aus, sodass die Schausammlung erhalten bleibt. Für Besucher wird die Ecke Kochel, Murnau sehr attraktiv sein.

Sie sprachen einmal von "schwülstigen Interpretationen", die den Blick auf Marcs Werk verstellen.

Hoberg: Vielleicht sollte man "schwülstig" durch "pathetisch" ersetzen: das Pathos der Einfühlung. Das war zum Teil bestimmt durch Marcs Äußerungen wie "das unteilbare Sein", "geistige Güter" etc. Sie wurden paraphrasiert, aber nicht analysiert. Vieles erklärt sich aus den Bildern, etwa den meditativ gesenkten Köpfen der Tiere. Sie haben eine "Opferhaltung". Nach zwei verlorenen Weltkriegen hatten diese Werke einen Trostfunktion. Das belegen die pathetisch übersteigerten Beschreibungen. Wir wollen Marc aus seiner Zeit verstehen und die Aussagen aus den Bildern ableiten. Natürlich hatte er einen hohen geistigen Anspruch, der auch emotional transportiert wird.

Bei antiken Kulturen ist die innige Verbindung von Religion und Tierwelt gang und gäbe, in der Moderne ist sie einmalig: bei Marc nämlich.

Hoberg: Er hat wirklich eine religiöse Symbolik schaffen wollen. Es steht auch fest, dass er indische und assyrische Vorlagen verwendet hat.

Marcs Bilder sprechen die Menschen unmittelbar an. War er selbst ein "einfacher" Mensch?

Hoberg: Wir bemerken diese Ausstrahlung auch hier im Haus. Wenn Kinder vor dem "Blauen Pferd" sitzen, sehen die etwas Besonderes. Bei Marc, denke ich, sprechen alle Dokumente für eine lange Entwicklung - genau wie in seiner Kunst. Er hatte viele Gefühlswirren durchzustehen. Ich will nicht von Depression sprechen, aber von Melancholie. Jahrelang war er künstlerisch untätig, und dann hat er sich plötzlich zu einer bemerkenswert reifen Persönlichkeit und einem großen Künstler gewandelt. Das spricht aus seinem Briefwechsel mit Maria. Er wurde der Ruhepunkt. Kandinsky war er ein absolut verlässlicher Partner, geistig voll auf der Höhe der Zeit.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

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