"Don Giovanni": Zwei Seiten der Medaille

- Exakt 193 Kilometer liegen zwischen dem Großen Salzburger Festspielhaus und dem Tiroler Landestheater in Innsbruck. Für Auto oder Zug bedeutet das eigentlich keine große Entfernung, für Mozart unter Umständen Welten. Wer zu Amadeus' 250. Todestag was auf sich hält, der bietet derzeit "Don Giovanni". Das Festival der Schokokugel-Stadt vertraut dazu auf seine vier Jahre alte Inszenierung, die Festwochen für Alte Musik im Inntal bieten Neues mit ihrem künstlerischen Leiter René Jacobs am Pult.

Zwei Ansichten einer Mozart-Medaille also - wobei die Salzburger irgendwie die Kehrseite erwischt haben.

Martin Kusejs Deutung hat dort nichts von ihrem Nicht-Charme verloren. Mit dem Blick des kalten Zynikers schaut er aufs Stück, öffnet keimfreie Seelenräume, immer wieder neue, durch vielfache, manchmal quietschende Drehung der Bühnensegmente (Martin Zehetgruber) entstehende Fluchten, die eines nahelegen: Wahre Liebe hat hier nie stattgefunden.

Thomas Hampson posiert darin mit der Selbstgerechtigkeit des späten Playboys. Dieser Giovanni muss sich und anderen nichts mehr beweisen. Ein letztes Mal scheint er sich zum Liebesspiel aufzuraffen; Person und inszenierter Charakter fallen da auf eine durchaus reizvolle Weise zusammen, Hampsons Bariton, der langsam Patina ansetzt, ergänzt das klanglich.

2002 brachte diese Produktion den sensationellen Durchbruch von Anna Netrebko als Donna Anna. Nachfolgerin Christine Schäfer bleibt anfangs blass, wirkt wie ein Fremdkörper im Babydoll-Kostüm und kann sich erst mit der stillen Verzweiflung des "Non mi dir" in den Mittelpunkt singen. Auch Kollegin Michaela Kaune, für Melanie Diener als Elvira eingesprungen, gibt nicht die Furie, sondern die Empfindsame. Ildebrando d'Arcangelo (Leporello) und Luca Pisaroni (Masetto) stehlen dem Titelhelden fast die Schau. Dank Neuzugang Piotr Beczala bekommt der Ottavio vokales Gewicht - und einige zu tief angesteuerte Phrasen. Isabel Bayrakdarian ist als Zerlina liebreizend bis neckisch, Robert Lloyd fehlt für den Komtur die dämonische Wucht.

Ein Problemfall ist Daniel Hardings Dirigat. Wie mit dem Holzhammer wird schon die Ouvertüre exekutiert. Was er sich als straffe, anti-mozärtelnde Interpretation dachte, erweist sich mit den folgsamen Wiener Philharmonikern bald als staubtrockene, sehr äußerliche Angelegenheit, die von einem vorlauten Pauker dominiert wird.

Grandiose Szenen mit minimalen Mitteln

René Jacobs gelingt dagegen mit dem Freiburger Barockorchester Aufregendes. Hier eine Verzögerung, dort eine spannungssteigernde Generalpause, dann plötzlich nimmt alles Fahrt auf, Farben und Nuancen schillern, ständig werden kleine Pointen geliefert, dazu ein Continuo (Hammerklavier, Cello), das Rezitative nicht absolviert, sondern lustvoll und improvisierend untermalt: Jacobs' Interpretation ist pralle, lebensnahe Theatermusik.

Deklassierung des Mozart-Mekka

Gefälliges verweigert er, sein "Don Giovanni" läuft ständig im oberen Drehzahlbereich, atmet dabei Sturm-und-Drang-Emotion. "La ci darem la mano" etwa wird nicht als "schöner" Schlager zelebriert, verrät dafür viel von der Unruhe vor dem ersten Vollzug. Und wenn kurz vor der Pause die Bühnenorchester dazukommen, wird das bei Jacobs nicht rhythmisch angeglichen, Giovannis Party droht wirklich - auch musikalisch - zu entgleisen.

Dass fast alle Rollen mit jungen Darstellern besetzt sind, gibt dem Abend eine eigene Note. Der 26-jährige Norweger Johannes Weisser gestaltet die Titelpartie mit hellem, leichtgängigem Bariton. Dieser Giovanni ist ganz verzogenes Bürschchen, bei dem das Hormonsystem noch nicht optimal ausgepegelt ist.

Als Kollege wacht Jacobs darüber, dass seine Solisten nie über ihren Möglichkeiten singen. Svetlana Doneva scheint sich oft den Vokalraum vorsichtig zu ertasten, gibt so der Donna Anna etwas Fragiles. Alexandrina Pendatchanska begegnet uns als eine Elvira, die jede Sekunde zur dramatischen Entladung fähig wäre. Sunhae Im ist so durchtrieben und hintergründig, wie eine Zerlina nur sein kann, während Werner Güra (Ottavio) als nobler Stilist überzeugt. Nikolay Borchev (Masetto) wird, bedingt durchs ähnliche Alter, fast zum wohlerzogenen Nebenbuhler Giovannis, Marcos Fink (Leporello) ist dafür ganz väterlicher, wiewohl stimmlich agiler Freund.

Regisseur Vincent Boussard beschämt mit seinem Reduktionismus viele Kollegen. Ein - akustisch heikles - Kugelsegment, das im ersten Akt Innenräume symbolisiert, im zweiten Akt für die Außenräume gedreht wird (Bühne: Vincent Lemaire): Mehr als diese Tourneetheater-Ästhetik braucht's nicht - zumal die Produktion ja auch nach Baden-Baden weiterwandert. Boussard hat intensiv mit seinen Solisten gearbeitet und ihre Eigenheiten für glaubwürdige Figurenstudien genutzt. Das Stück rollt er auf als eine zeitlose Geschichte über Jugendliche, die sich ihrer selbst und der Folgen ihres Tuns noch nicht sicher sind.

Vermieden werden dabei abgedroschene Requisiten wie Leporellos Registerbuch: Ein entsetzter Blick zum leeren Bühnenhimmel, wo sich Elvira Giovannis Frauenpensum ausmalt, sagt da viel mehr. Mit minimalen Mitteln gelingen grandiose Szenen. Ottavios Schatten auf dem roten Vorhang, vor dem Donna Anna das "Non mi dir" klagt; der finale Auftritt des Komturs durchs Parkett (stark: Alessandro Guerzoni), während sich Leporello und Giovanni mittels vergeblichen Schließens des Vorhangs dagegen schützen wollen: Momente, die gerade in ihrer Einfachheit überrumpeln. Eine Alternative also? Mehr noch: Fürs selbst erklärte Mozart-Mekka bedeutet dieser Innsbrucker "Don Giovanni" glatt die Deklassierung.

Der Salzburger "Giovanni" ist an diesem Dienstag, 21.20 Uhr, auf ORF 2 zu sehen, die Innsbrucker Produktion am 6. Oktober, 20 Uhr, auf Arte.

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