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Sie hat nicht nur die Hosen an: Anja-Nina Bahrmann (Norina) und Franz Hawlata (Pasquale) mit dem Gärtnerplatz-Chor. 

Premierenkritik

"Don Pasquale" am Cuvilliéstheater

München - Eine intelligente, liebenswürdige Komik: Brigitte Fassbaender inszenierte Donizettis „Don Pasquale“ fürs Cuvilliéstheater. Die Premierenkritik:

Die Besetzung

Dirigent: Marco Comin.

Regie: Brigitte Fassbaender.

Ausstattung: Bettina Munzer.

Chor: Jörn Hinnerk Andresen.

Darsteller: Anja-Nina Bahrmann (Norina), Bogdan Mihai (Ernesto), Franz Hawlata (Don Pasquale), Mathias Hausmann (Dr. Malatesta), Ute Walther (Notar).

Nur kurz sollte man sich mal in seine Rolle versetzen. Das Rentenalter ist da, keine Frau in Sicht, die Verwandtschaft noch dazu aufsässig. Ein bisschen Liebe, ein bisschen Wärme, das täte schon gut. Und dann steht sie vor ihm. Jung, adrett, nur leider, nach geschlossener Ehe, eine rechte Bissgurk’n. Franz Hawlata führt die Enttäuschung nicht als Empörungseruption vor, dieser Don Pasquale reagiert anders. Eine Implosion. Ein einst lebenspralles Mannsbild, aus dem die Luft entwichen ist, eine verwitterte Hellmuth-Karasek-Version (ja, das geht) mit Serviermädchenröckchen, während sie nicht nur die Hosen, sondern auch das Sakko anhat – Norina trägt nun feinste Nadelstreifen.

Schadenfreude steigt weniger auf, eher Mitleid. Trotzdem ist die Sache komisch, und genau das ist die Stärke dieses „Don Pasquale“, mit dem das Gärtnerplatzteam im Cuvilliéstheater Premiere hatte. Brigitte Fassbaenders Donizetti-Inszenierung ist eine Maßanfertigung für Münchens Theaterschmuckschachtel. Wo im Mini-Haus jede Pointen-Vergrößerung eine Vergröberung ist, wo die Sänger fast auf Greifweite mit dem Parkett agieren, da tritt die Fassbaender auf die Bremse. Schenkelklopfer sind also perdu, angesagt ist ein delikater, lebensweiser Humor, der die Solisten nicht zur Karikatur nötigt und dem Stück sehr, sehr gut steht.

Die Handlung

Don Pasquale will sich verheiraten, um seinem Neffen Ernesto die Erbschaft zu verderben. Der liebt die mittellose Witwe Norina und weigert sich, eine von Pasquale ausgesuchte, vermögende Dame zu ehelichen. Ernesto und Dr. Malatesta erteilen dem Alten eine Lektion: Norina gibt sich unter falschem Namen als Unschuld vom Lande aus, geht eine Scheinehe mit Pasquale ein und macht ihm das Leben zur Hölle. Als alles aufgeklärt wird, überlässt Pasquale erleichtert Norina ihrem geliebten Ernesto.

Die Sängerinnen-Legende und seit vielen Jahren auch Regisseurin hat ihr Komödien-Vokabular immer mehr verfeinert. Schon zu Beginn hängt eine Amor-Putte vieldeutig und unerreichbar aus dem Schnürboden, unten eilen Menschen vorbei, die den Porzellangott mal belustigt, mal irritiert registrieren: Und wie hältst du’s mit der Liebe? Nur wenig später erleidet Pasquale den Patienten-GAU. Freund Malatesta ist ein Zahnarzt, der im Kiefer des Don herumfuhrwerkt. Dass Onkel Doktor dann selbst an Norina Gefallen findet, wenn er die Intrige einfädelt, sie sanft streichelt und auf Kussnähe geht (was sie eine Spur zu wenig energisch abweist), das ist nur eine von vielen kleinen, intelligenten Zutaten, mit denen Brigitte Fassbaender den Abend würzt.

Und der hat Tempo. Auch weil Bettina Munzers multifunktionale Bühne dafür garantiert: ein hoher, blauer Raum, in den sich wenige szenische Elemente wie Norinas Zimmer mit Klappbett schieben. Gaetano Donizettis Buffa, die hier dank der sehenswerten Kostüme zwischen 19. Jahrhundert und 1950er-Jahre changiert, bekommt Luft zum Atmen und zur Entfaltung. Und das Personal eine mätzchenfreie Spielfläche, übrigens alle eingeschlossen: Die so präzise wie spiellustig absolvierte Chornummer nach der Pause sticht für Minuten sämtliche Solisten aus.

Wann ist eigentlich in einer Gärtnerplatz-Produktion der jüngeren Zeit jemals so gut gesungen worden? Es ist ja nicht nur Franz Hawlata, Bayreuth- und Met-gestählt, der hier sein Kabinettstückchen abliefert. Hawlata muss seinen Bass zwar anfangs auf Touren und ins rechte Timing bringen. Das bildschöne Timbre, die Souveränität und augenzwinkernde Lust, mit der er sich (sonst Deftigerem nicht abgeneigt) auch sängerisch ins feine Spiel fügt, das macht ihn zum Muster-Pasquale.

Und doch müsste der Abend fast umbenannt werden. Anja-Nina Bahrmann könnte mit ihrer Norina mühelos auch große Musentempel erobern. Weich gefasst ist ihr lyrischer Koloratursopran, schmiegsam, nuancenreich und bis in Extremlagen auf Wohlklang geeicht. Keine Verzierungs-Kratzbürste beherrscht da die Szene, sondern eine zwar durchtriebene, aber eben doch liebenswürdige junge Dame.

Dass sie Ernesto bekommt, liegt offenbar auch am Stimmtyp: Das Duett von Anja-Nina Bahrmann und Bogdan Mihai wird zum Höhepunkt des Abends. Mihai ist ein tenorzarter Stilist und ein Strahlemann mit Teenie-Charme, keiner, der sich die Rolle gockelnd erobert, sondern auf subtile Verzauberung zielt. Ganz im Gegensatz zu Mathias Hausmann (Malatesta), der mit scharf konturiertem, Parlando-sicherem Bariton auftrumpft.

Für den neuen Chefdirigenten Marco Comin ist dies die Feuerprobe. Unaufgeregt werden die Sänger gelotst, während sich das Gärtnerplatzorchester vom Temperament des Venezianers willig anstecken lässt. Das wird auch zum Problem. Noch hat man sich nicht auf die heikle Akustik eingehört. Vieles ist zu laut, zu knallig. Und dennoch: Die Details funkeln, der Rhythmus federt, ein Donizetti mit Biss und Brio, bei dem das Zuhören Spaß macht – und offenbar auch das Musizieren, wie manch glückliches Gesicht im Graben verrät. Schon wieder also, nach dem „Weißen Rössl“ in Fröttmaning, ein Gärtnerplatz-Erfolg. Kann gern so weitergehen.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen am 27., 29. und 31. Oktober sowie am 2., 4., 6., 9. und 10. November; Telefon 089/ 21 85 19 60.

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