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Donna Leon

Buchkritik: Commissario Brunettis 20. Fall

München - Kaum zu glauben, dass uns der venezianische Commissario Brunetti aus der Feder der US-amerikanischen Autorin Donna Leon schon seit zwei Jahrzehnten begleitet. Jetzt lässt sie ihn seinen 20. Fall lösen – Titel „Reiches Erbe“.

Man taucht ein in die herbstliche Serenissima, in der die Luft manchmal so klar ist, dass man die Berggipfel der Alpenkette erkennen kann. Brunetti liebt diesen Blick weg vom Meer. Zunächst ist er aber froh, von einem Abendessen mit seinem Chef Vice-Questore Patta weggeholt worden zu sein. Der Anlass ist zwar traurig – eine ältere Dame wurde tot aufgefunden –, aber die „Flucht“ vom ungeliebten Termin ist damit legitimiert.

Donna Leon streift wie stets ihre Brunetti-Standards: gutes Familienleben und Essen, wichtige und blöde Kollegen, Kritik an den politischen Verhältnissen Italiens, Venedigs Misswirtschaft. Sie intensiviert zugleich in dem Roman „Reiches Erbe“ wohltuend die Tugenden des geduldigen detektivischen Forschens. Ja, es ist nicht einmal klar, ob hier ein Mord geschah. Gerichtsmediziner Rizzardi lässt sich keine definitive Aussage entreißen. Nur eines ist gewiss: Costanza Altavilla starb an Herzversagen. Die blutende Kopfwunde und die blauen Flecken könnten auch vom Sturz herrühren. Gute Gründe, den Fall gleich gar nicht zu untersuchen. Dennoch hat Brunetti ein ungutes Gefühl – und niemand kann ihn dann von Nachforschungen abhalten. Zumal in der schlicht möblierten Wohnung der Toten durchaus Ungereimtes zu finden ist. Nichts weist freilich darauf hin, dass Signora Altavilla Feinde gehabt haben könnte. Jeder Zeuge beschreibt sie als gute, anständige Frau.

Durch die Strategie des sorgfältigen Sich-vorwärts-Tastens modelliert die Schriftstellerin quasi vor unseren Augen Charaktere und Situationen. Sie schafft es genauso, Persönlichkeiten im Dialog mit anderen plastisch zu schildern. Und oft ergibt sich dabei ein prickelndes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Brunetti und den Befragten – wobei der Kriminaler nicht immer die Katze ist. Bei der Oberin des privaten Seniorenheims, dem Altavilla als treue Helferin und unermüdliche Zuhörerin der Alten beistand, hat er nicht mit polizeilichen Finten, sondern nur durch totale Ehrlichkeit eine Chance. Eine ganze Reihe derartiger „Porträts“ fesselt den Leser in dieser Geschichte um eine pensionierte Lehrerin, die sich gegen das Böse (misshandelte Frauen, Erbschleicherei und Diebstahl) stellte. Das ist bewundernswert.

Am Ende indes erlaubt sich Donna Leon eine moralische Volte: Wir erfahren zusammen mit dem anderen großen Zuhörer, Brunetti, die Wahrheit – und dass das Gute nicht schlichtweg gut sein muss.

Simone Dattenberger

Donna Leon: „Reiches Erbe. Commissario Brunettis zwanzigster Fall“. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Diogenes, 317 Seiten; 22,90 Euro.

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