Doppelgängerin einer Toten

- Sommer - aber weit und breit kein Azorenhoch. Bis auf diesen einen Tag, der Roos zum Verhängnis werden sollte. Am Strand nimmt sie ein Sonnenbad, ihr letztes. Ein Voyeur, der die attraktive Chemielaborantin seit Wochen beobachtet, hält alles auf Video fest: das Röcheln, einen merkwürdigen Schatten, der über den Körper fällt, schließlich den Rettungswagen, der die Bahre mit der Toten abtransportiert. Sonnenstich? Infarkt? Mord? Freundin Leonie, mangels Nachkommen nun Roos' Alleinerbin, beginnt zu recherchieren.

<P>Und hier biegt Maarten 't Hart vom klassischen Krimi-Pfad ab, bietet in "Die Sonnenuhr" keine typische Aufklärungsstory, sondern rückt Leonie in den Mittelpunkt. Wie sie in das Appartment der Toten einzieht, Roos' Kleider und die überlangen, in Neon grellenden Kunst-Fingernägel trägt, schließlich auch die Frisur ändert. Leonie, von eigenem Psycho-Ballast geplagt, versucht, sich zu entkommen, in dem sie die Rolle der anderen, der erfolgreicheren, flippigeren, vermeintlich selbstbewussteren annimmt. Ergebnis ist eine verblüffend echte "Wiedergeburt".<BR><BR>Welch viel versprechende Krimi-Situation - die Maarten 't Hart freilich zu einem enttäuschenden Roman ausbaut. Einzig die ständig wechselnden Verdächtigen, das stete Vertauschen von Schwarz und Weiß bannt den Leser bis zu dem Moment, an dem der Schuldige enttarnt ist. Doch auf dem Weg sind manch unmotivierter Dialogwitz, bemüht Psychoanalytisches, vor allem bildungsbürgerliche Ausflüge zu absolvieren, in denen der Autor sein Wissen in Sachen Literatur und Musik verbreitet. Das ist eitel - und verzichtbar.</P><P>Maarten 't Hart: "Die Sonnenuhr". Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg. Arche Verlag, Zürich/ Hamburg. 330 Seiten, 19,90 Euro.</P><P> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Hamburg - Jörg Widmanns monumentales und mehrheitsfähiges Oratorium „Arche“ ist eine Maßanfertigung für die Hamburger Elbphilharmonie. Die Konzertkritik.
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Im Minenfeld
München - Bernhard Maaz, Chef der Staatsgemäldesammlungen, spricht im Merkur-Interview über Kunst in der NS-Zeit, Gurlitt, Raubkunst, Provenienzforschung und Restitution.
Im Minenfeld

Kommentare