Die Doppelspitze des Deutschen Theaters

München - Seit wenigen Wochen ist Münchens Deutsches Theater ohne Führung. Aber es ist nicht führungslos. Nachdem Geschäftsführerin Andrea Friedrichs nicht ganz freiwillig noch vor Ablauf ihres Vertrags das Haus verlassen musste, liegt die Leitung der renommierten Unterhaltungsbühne jetzt in Händen von Carmen Bayer und Werner Steer. So lange, bis ein neuer Geschäftsführer gefunden ist.

Braucht das Deutsche Theater überhaupt einen neuen Geschäftsführer? "Sie meinen, neben uns? Nein, da braucht es keinen weiteren", lacht Werner Steer. Die beiden machen ihre Sache ja offensichtlich auch richtig gut. Dennoch wird es im Herbst eine Stellenausschreibung geben. Es ist durchaus vorstellbar, dass Carmen Bayer und Werner Steer dabei mit im Rennen sind.

Wer also sind die beiden, die derzeit als Doppelspitze das Haus neu positionieren?

Carmen Bayer ist seit 1999 am Deutschen Theater. Ihre Zuständigkeiten: die Verträge, die Kommunikation mit der Stadt und dem Aufsichtsrat sowie die Personalleitung. Und was trieb die Juristin nach ihrem Studium ans Theater? Bayer: "Ich hatte schon immer ein ureigenes Theaterinteresse. Mein Ziel war es stets, juristisch im Kulturbereich zu arbeiten." Allerdings habe die Münchnerin dabei nie ans Deutsche Theater gedacht. Sie war mehr auf die Kammerspiele und aufs Staatsschauspiel abonniert. Überhaupt, so gesteht sie freimütig, hatte sie bis '99 diesem Haus nur zwei Besuche abgestattet - zu "Serafina" und David Copperfield; "und auch dazu musste ich überredet werden". Heute liebt sie dieses Theater heiß und innig.

Was auch Werner Steer tut. Er gehört praktisch zum Inventar des Deutschen Theaters. Seit der Wiedereröffnung 1982 arbeitet er, von kleinen Unterbrechungen abgesehen, für diese Bühne. "Ich kam vom Land, musste in München mein Studium finanzieren und begann, hier zu jobben. Und bin bis jetzt nie wieder herausgekommen."

Der Wirtschaftsingenieur Steer kennt jede Ecke des Hauses, ist seit 2003 kaufmännischer Leiter und seit 2005 Prokurist. Steer und Bayer: ein Team, das den gesamten Bereich der Geschäftsführung abdeckt.

Niemand will Vorgängerin Andrea Friedrichs Übles nachreden; die ungute Verquickung der Interessen des Deutschen Theaters mit jenen ihrer eigenen Produktionsfirma und damit die Blauäugigkeit des Aufsichtsrates sind bereits lang und breit erörtert worden. Dennoch muss gesagt werden: Als Friedrichs 2005 als Geschäftsführerin das Deutsche Theater übernahm, befand es sich auf dem absoluten Höhepunkt, es war wirtschaftlich das beste Jahr überhaupt. Zum jetzigen Zeitpunkt sei man genau da angelangt, "wo wir schon im Jahr 2000 waren". Und Steer betont: "Wer auch immer in Zukunft das Deutsche Theater als Geschäftsführer leiten wird - die Voraussetzung ist, dass er neutral ist und keine eigene Produktionsfirma im Hintergrund hat."

Bayer und Steer sind neutral. Sie genießen jetzt die große Freiheit in der Terminplanung. Das heißt, nicht mehr darauf Rücksicht nehmen zu müssen, zu welchem Zeitpunkt Andrea Friedrichs ihre eigenen Produktionen platzieren wollte. Und es bedeutet auch, dass die internationalen Kooperationspartner wieder Vertrauen fassen dürfen ins Theater. Carmen Bayer: "Seit fünf Wochen sind wir nur noch unterwegs, die Partner zu kontaktieren."

Natürlich ist es so, dass Bayer und Steer, wenn sie das Haus auch nur kommissarisch leiten, so planen müssen, als wären sie auf lange Sicht die Geschäftsführer. Wie also geht's weiter mit dem Theater an der Schwanthalerstraße, dessen Schließung wegen Baufälligkeit wie ein Damoklesschwert über der Münchner Traditionsbühne hängt? Carmen Bayer: "Bis Ende 2008 können wir noch hier bleiben, allerdings nur mit sehr großen Einschränkungen."

Konkret: Der Zuschauerraum muss von maximal 1630 Plätzen auf 1000 Plätze verkleinert werden. Steer: "Eine Auflage des Brandschutzes. Im Parkett bleiben noch 700, im Balkon 200 und im Rang 100 Plätze." Der Spielplan für 2008 steht noch nicht. Ein Problem: "Mit dem verringerten Platzangebot reduziert sich die maximal mögliche Einnahmekapazität erheblich. Fest steht nur: So große Musicals wie etwa ,Aida sind 2008 nicht mehr machbar", so Carmen Bayer.

Aber Stillstand im Theater würde den Tod des Theaters bedeuten. Darum werden Bayer und Steer ab Herbst 2008 das Publikum mit einer attraktiven Ersatzspielstätte überraschen. Steer, der Techniker: "Entweder ein tolles Zelt oder ein sogenannter fliegender Bau. Auf jeden Fall: Es muss knallen." Und wo in München soll dieser Knaller stehen? "Das können wir noch nicht sagen, weil wir bislang nicht wissen, wie lange unser Haus geschlossen bleibt, also welchen Zeitraum wir beanspruchen." Man weiß bis jetzt nur: "Für die Interimsspielstätte wird keinerlei öffentliches Geld benötigt, wir haben selbst Geld angespart."

Ein neuer Schauplatz, Zelt oder fliegender Bau, und mit Carmen Bayer eine Vertreterin einer neuen, jungen Generation als Programmmacherin: Welche Akzente will die Juristin setzen? Womit gedenkt sie, das Deutsche Theater für die Zukunft zu positionieren? "Erstens: Ich würde gerne wieder etwas aufleben lassen, was es hier ja schon einmal gab: den Modern Dance, von Alvin Ailey bis zur Hubbard-Street-Company. Zweitens: Wir müssen wieder die direkten Kontakte nach New York und London aktivieren und selber schauen, was für uns interessant sein könnte. Wir brauchen wieder verstärkt Uraufführungen. Die bekommt man nur, wenn man selbst auf die Märkte geht. Bedauerlicherweise war gerade das in den letzten Jahren kaum noch der Fall. Und drittens: Wir müssen unsere Zusammenarbeit mit anderen Häusern im deutschsprachigen Raum intensivieren."

Interessant seien die Sommerfestivals wie das von Amstetten, das ab 23. August mit "Carmen Cubana" im Deutschen Theater vertreten ist. Oder die Vereinigten Bühnen Wien, die für ihre hochwertigen Musicalaufführungen Häuser suchen, in denen sie weitergespielt werden. Darunter dürfen durchaus auch sogenannte Risiko-Aufführungen sein. Steer: "Wir wollen nicht nur den reinen Kommerz, wir wollen dem Publikum auch künstlerisch etwas bieten. Wir haben keine Angst vor schwierigen Produktionen. Schlimm ist nur, wenn eine Aufführung weder kommerziell noch künstlerisch erfolgreich ist."

Und was sind die persönlichen Musical-Hits? Steer: " ,Der Tanz der Vampire, weil es von der Technik her einfach eine Herausforderung ist." Carmen Bayer: "Der Markt ist riesengroß. Aber ich liebe vor allem ,Chicago. Das war zwar schon zweimal hier, aber ich hätte es sehr gern noch einmal im Deutschen Theater." Im Prinzip aber, so Werner Steer, seien sie über jede Musicalproduktion froh, die gut ist. "Ein Musical, das schlecht ist wie beispielsweise die üblichen Stadttheaterproduktionen, schadet enorm. Da sagen dann die Leute: ,Musical? Nie wieder.  Das wäre das Schlimmste."

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