Doppelt daneben benehmen

- Eine besondere Pointe: Der Verleger der Autobiografie Walter Schmidingers, "Angst vor dem Glück" (Alexander Verlag), hat das Buch an Kammerspiele-Intendant Frank Baumbauer geschickt und mit ihm eine Lesung Schmidingers vereinbart. "Jetzt nichts wie hin zu Erna Baumbauer" (der berühmten Schauspieleragentin und Mutter des Intendanten), riet Schmidinger dem Büchermann: "Sie soll den Vertrag machen und das Geld aushandeln." Sie aber, freut er sich mephistophelisch, klage, ihr Sohn nehme keine Schauspieler von ihr, weil die zu teuer seien. "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Für mich", sagt Schmidinger, "als mich noch keine Sau in München kannte, hat sie solch hohe Gagen verlangt, dass jeder dachte: Wer so viel Geld fordert, der muss ja gut sein."Das ist über 30 Jahre her. In München ist Walter Schmidinger, der Österreicher, der in Berlin zu Hause ist, nicht vergessen. Heute, 20 Uhr, liest er in den Kammerspielen aus seinem so amüsanten wie berührenden Buch.

<P>Welche Passagen werden Sie zum Besten geben?<BR>Schmidinger: Na, das überlege ich gerade noch. Aber ich lese nur ein paar Ausschnitte - und dann erzähle ich.</P><P>Wovon?<BR>Schmidinger: Von meinen drei Jahren an den Münchner Kammerspielen (1969-72) und wie ich da überhaupt hingekommen bin: nämlich durch Erna Baumbauer und Peter Zadek. Die beiden haben mich dem Everding eingeredet. Und dann trage ich noch ein bisschen Karl Valentin vor.</P><P>Warum findet dieser Abend nicht im Residenztheater statt, wo sie doch 13 Jahre, von 1971 bis 1984, engagiert waren?<BR>Schmidinger: Dieter Dorn, ich weiß nicht, der kennt vielleicht das Buch nicht. Ich lese aber einen Brief von Dorn vor, in dem er sich dafür entschuldigt, dass er die Premiere des "Kaufmann von Venedig" mit Martin Benrath als Kaufmann und mir als Shylock in der Pause verlassen hat. Mir wird schlecht, wenn ein Intendant sagt - und das hat Dorn im Brief getan -, als Schauspieler hätte ich die Aufführung verhindern sollen. Das kostet doch alles viel Geld, ich stehe doch in der Verantwortung. Nein, das kann ich nicht. Dorn glaubte, es sei ein Schock für mich gewesen, dass er vorzeitig gegangen ist. Wie dumm. Es kann doch gehen, wer will. Noch dazu, wenn ich gleich die schwere Gerichtsszenen zu spielen hatte.</P><P>Sie sind ein geliebter, aber auch ein gefürchteter Schauspieler . . .<BR>Schmidinger: Na, weil ich das Maul aufreiße. Es ist manchmal so gar nicht durchschaubar, warum jemand gekränkt ist. Nur weil man widerspricht? Eigentlich schade, es arbeiten so viele Theaterleute gegeneinander. In Berlin, wo neuerdings überhaupt kein Geld mehr da ist, erst recht. Da habe ich mich natürlich wieder unbeliebt gemacht. Ich habe gesagt: Uns fällt mit Geld nichts ein; was soll uns denn einfallen ohne Geld?</P><P>Kommen wir noch einmal zurück zu Ihrem Münchner Auftritt morgen . . .<BR>Schmidinger: Ich werde natürlich von der Giehse reden. Sie war meine mir wichtigste Erscheinung. Manche meinten, die Giehse sei böse. Nein, sie hat die Wahrheit gesagt. Die hört nur keiner gern.</P><P>Vor neun Jahren hatten Sie in München Ihre letzte Premiere, Wilsons "Der Mond im Gras".<BR>Schmidinger: Sie glauben ja nicht, ich sitze da zu Hause, lese eine Zeitung, über den und jenen, und denke: "Was, der ist auch schon 60? Die Leute werden heute alt." Dass ich schon 70 bin, das vergesse ich . . . Ich werde morgen auch von früher erzählen. Zum Beispiel drei Geschichten, die sich zwischen Frank (Baumbauer) und mir abgespielt haben. Sensationell. Er hat mich früher immer behütet und beschützt, damit ich mich auch ja in vornehmer Gesellschaft gut benehme. Wenn man nun aber einem Mann wie ihm begegnet, der schon von vornherein immer so ängstlich durch die Gegend schaut, dann muss man sich doch erst recht doppelt daneben benehmen.</P><P>Sie haben in Ihrem Buch nichts ausgelassen?<BR>Schmidinger: Ich habe viel verschwiegen. Die Giehse hat immer zu mir gesagt: "Ihre Stärke ist, wenn Sie schweigen."</P><P>Trotzdem noch eine Frage: Würden Sie in München wieder Theater spielen, wenn es ein Angebot gäbe?<BR>Schmidinger: Jetzt habe ich das, was die Zarah Leander in ihrem letzten Jahrzehnt jedes Jahr hatte: ein Comeback. Also, ich werde in den Kammerspielen sagen: Wenn ich ein Angebot bekäme, meine Damen und Herren, hier auf der Bühne nicht nur zu lesen, sondern auch zu spielen, würde ich es nicht annehmen. Es gibt eh keins. Wissen Sie, dass man lange Zeit nicht spielt, das war früher auch so. Aber da war es offener. Als Rudolf Noelte beim Münchner Residenztheater einmal Intendant werden sollte, hat er mir einen Halbjahresvertrag angeboten. Ich fragte: Warum? Ob er glaube, dass ich so viel fürs Fernsehen zu tun bekäme und er mir dafür frei geben wolle? "Nein", antwortete Noelte, "damit ich Dich nicht jeden Abend auf der Bühne sehen muss".</P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz</P>

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