Herzangreifendes Schlussbild in Salzburg: Rigoletto (Ivan Inverardi) hört die Stimme seiner Tochter (Eri Nakamura).

Premierenkritik

Doppelte Tragödie einer Kindfrau

Populärer geht es fast nicht. Doch Verdis „Rigoletto“ kann mehr sein als ein Herzschmerz-Drama. Zwei prominente Regie-Frauen haben sich zeitgleich und erfolgreich dem Stück gewidmet: Brigitte Fassbaender in Regensburg und Amélie Niermeyer in Salzburg.

Weibliche Wesen ja, aber dann bitte der besonderen Art. Und da der Herzog auch über seine Huren-Vorliebe hinaus scheint, sollen es bitte die ganz jungen sein. Ballett-Mädchen, die nicht nur das Fest verschönern, sondern auch die Schäferstündchen im herrschaftlichen Gemach. Bemerkenswert, dass Brigitte Fassbaender und Kollegin Amélie Niermeyer da zu (fast) identischen Einfällen gekommen sind. Erstere in Regensburg mit scheuen Teenies auf Spitze, Letztere im Salzburger Haus für Mozart mit einer noch böseren Idee: Da tanzen die kleinen Ballettratten zum Plaisier des Lustmolchs.

Zwei Regie-Frauen, dasselbe Stück – und ein paar aufschlussreiche Parallelen. Dass beide Häuser Verdis Blockbuster auf die Spielpläne setzen, ist auch den Bilanzen geschuldet. Dass sie szenisch dabei nicht unbedingt den einfachen, billigen Weg gehen, ist ihnen hoch anzurechnen. Und dass beide Produktionen nicht hundertprozentig verglichen werden können, sollte man auch im Hinterkopf behalten: Der Etat bei einem österreichischen Landestheater ist sichtlich und (im Falle der Solisten) hörbar höher als bei einem oberpfälzischen Stadttheater.

Die Inszenierungskunst von Brigitte Fassbaender war ja noch nie eine aufdringliche, so auch in Regensburg. Blicke, Reaktionen, Gesten und Gänge, das alles „stimmt“. Mit wenigen Strichen werden Charaktere plastisch, und manchmal rückt sogar eine Nebenfigur wie Marullo für zwei, drei interessante Minuten ins Zentrum. Der Ausstattungs-Rahmen von Dorit Lievenbrück bleibt für all das wohltuend zurückhaltend – und ist in erster Linie Plattform für die Menschenschau. Ein hoher Einheitsraum samt drehbarem Treppengerüst weckt Assoziationen an ein Vestibül. Rigoletto trägt Narrenkostüm und schwer an einer Brandverletzung im Gesicht. Gilda ist nicht nur als Kindfrau ausstaffiert, sie singt ihr „Caro nome“ im „Duett“ mit einem Riesen-Plüschhasen. Auch das kann die Fassbaender: Ernstes mit Humorvollem hintersinnig würzen – pures Schwarz-Weiß-Denken ist ihr fremd. Nur im Falle des Herzogs wird es eindeutig. Zur echter Liebe, auch im Falle von Gilda, ist der Herzog nicht fähig. Frauen werden gern nach erstem und schnellem „Gebrauch“ wieder abgelegt.

In dieser Frage ist Amélie Niermeyer optimistischer, auch wenn ihre Salzburger Produktion dunkler, verstörender, auch surrealer ausfällt. Mehreres ist zwischen Herzog und Gilda zu spüren: dass es echte, tiefe Schwingungen im Liebes-Duett gibt – und dass diese Frau, nachdem diese Liaison nicht klappt, vielleicht die letzte Chance eines Beziehungsgestörten war. Auch hier eine Art Einheitsraum, der sich indes pro Szene wandelt. Verschiedene Stockwerke eines Hauses sind das, verbindendes Element ist ein Fahrstuhl (Bühne: Alexander Müller-Elmau). In diesem Gebäude haust der Herzog oben mit seiner bedrohlichen Soldateska, weiter unten Rigoletto, ein linkisches, tapsiges Riesenbaby, mit seiner Tochter – und ganz unten Mörder Sparafucile, der dort ein Bordell betreibt.

Bis auf eine Sängerposition hat Salzburg (eben auch aus Budgetgründen) die Nase vorn. Eri Nakamura, Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, ist eine Muster-Gilda mit Seelentönen, feiner Verzierungskunst und dramatischem Potenzial. Ivan Inverardi kann als Rigoletto Belcanto-Geschmeidigkeit mit einschüchternden Ausbrüchen verbinden, Rame Lahaj kommt als Herzog aus dem lyrischen Lager, führt dennoch einige Reserven ins Feld.

Regensburg kann mit einem Pracht-Herzog wuchern. Yinjia Gong singt mit müheloser Expansion und verschwenderisch schönem Klang, könnte sich allerdings ein paar Schattierungen gestatten. Anna Pisareva ist eine eher herbe, in allen Lagen genau kontrollierte Gilda. Das hohlwangige, graue Bariton-Timbre von Seymur Karimov passt gut zum Titelhelden, obgleich das glanzarme Singen im Verlauf der Premiere kleine Tribute fordert. Auch im Falle des Dirigenten hängt Regensburg die Salzburger ab. Tetsuro Ban treibt das Philharmonische Orchester zu einem trockenen, sportiven Brio. Bühne und Graben sind bestens verzahnt. Eine extrem spannende, hochtourige Deutung, die den „Rigoletto“ in der Frühphase Verdis verortet.

Adrian Kelly verlässt sich in Salzburg dagegen auf den saftigen, symphonischen Sound des Mozarteum-Orchesters – und nimmt kleine Abstimmungsprobleme mit der Gesangsriege in Kauf. Am Ende fahren dort die Kulissen nach oben, der Mord an Gilda wird – von Nebel umdunstet – in aller Brutalität und mit vielen Messerstichen gezeigt. Dass die halbtote Gilda noch einmal das Bewusstsein erlangt, um ein Duett loszuwerden, löst Amélie Niermeyer mehr als geschickt. Rigoletto hält ein lebloses Double im Arm – ein bis auf einen guten Geist von allen Verlassener: Der Gesang der Tochter ist nurmehr Imagination. Herzangreifend ist dieser Moment, erschütternd – und ein Modell für eine Handvoll ähnlicher Opernmomente, die gern ins bizarre Pathos driften. Kulinarik also sucht man in diesen beiden „Rigolettos“ vergeblich, die mit Schauspiel-Qualität viel Plausibleres erzählen: die Tragödie einer Kindfrau.

Von Markus Thiel

Nächste Vorstellungen

in Regensburg: 2., 9., 18., 21.11.; Tel. 0941/ 507 24 24;

in Salzburg: 2., 4., 8., 12.11.; Tel. 0043/ 662/ 871 51 22 22.

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