Der doppelte Woody

- Mister Poe muss sich wohl verhört haben. "Wer singt da?" Das ist ja das Problem: kaum einer. Was Wunder, wenn der Opernheld, ein schizophrener Bücherwurm, an "Morbus litteris" krankt, seine Traumata nur in schwallartigen Monologen verarbeiten kann. Oder wenn sein Komponist - womöglich vor der Qualität des Librettos erschauernd und seiner Musik misstrauend - weite Teile des neuen Stücks ins Singspiel gleiten lässt.

<P>Brave, diskrete Klang-Illustration</P><P>"In die Fremde": Das Motto der neunten Münchener Biennale entfaltet da ungeahnte Ironie. Denn "Berenice", die am Gärtnerplatz uraufgeführte Oper von Johannes Maria Staud (Musik)  und Durs Grünbein (Text), entführt vor allem in die Vergangenheit. Nicht nur das Personal auf der Bühne, das in einem morbiden Zwischenreich existiert, Handlung weniger durchlebt, vielmehr ständig von Vorgefallenem berichten muss. </P><P>Auch das Publikum, das sich plötzlich mit Jazzigem, mit Musical-Beschwingtheit konfrontiert sieht - doch die dummerweise nicht als satirische Übersteigerung wahrnimmt, sondern als Rettungsanker in braver, allzu diskreter Klang-Illustration.<BR><BR>Das abgründige Furioso, mit dem "Berenice" losplatzt, auch der Agitprop-Ton, in dem der "Chor der Familiengeister" seine unverständlichen Worte durch die Megaphone gellt, weckt daher falsche Erwartungen. Stauds Musik (ein fast klassisches Kammerorchester plus Harmonium und vorsichtig eingesetzte Elektronik) drängt sich nicht auf. </P><P>Den Psychogrammen von Durs Grünbein, den hintergründigen Variationen über eine Gruselstory von Edgar Allan Poe, über einen doppelt vorhandenen Täter und einen Dichter, dem die blutsaugende Muse ("Vamp") auf die Sprünge helfen muss, begegnet Staud mit oft blutleerer Zeitlupen-Kunst: lange, somnambule Vokallinien, eine sehr reduktionistische, nachvollziehbare klangliche Ausstattung, die ihren Wirkungen selbstverliebt nachzuhören scheint, dazu atmosphärische Floskeln, die Geschehen intensivieren, selten zusätzliche Bedeutungsebenen einziehen. </P><P>Stefan Asbury und das Klangforum Wien haben sich hierfür tief in die Partitur hineingedacht, realisieren diese mit starker, trennscharfer Emphase.<BR><BR>Fast jede Figur erhält eine eigene musikalische Charakterisierung. Der Vamp etwa eine gläsern glissandierende, fast körperlose Instrumentalaura, Berenice häufig ätherische Phrasen-Verläufe. Wie ihre Opernschwester Lulu bleibt diese Titelheldin eine Art Prinzip, ein Ziel männlicher Obsessionen, im Mittelpunkt steht vielmehr der gespaltene Liebhaber. </P><P>Und mehr noch als zur klassischen Nummernoper tendiert "Berenice" zum bloß untermalten Schauspiel. Der "Kniff", den Großteil des Textes sprechen zu lassen, fällt also auf den Komponisten selbst zurück.<BR><BR>Das Potenzial von Grünbeins Text, der in komischen, grotesken, gruseligen Facetten schillert, bleibt weitgehend ungenutzt. Daran krankt auch die Regie von Claus Guth. Mit Ausstatter Christian Schmidt bemühte er sich offenbar um eine Konkretisierung, um eine Verankerung der Vorlage in fassbarem Umfeld. </P><P>Das Ergebnis: eine doppelte Bühne. Oben das Apartment und Egaeus' Bibliothek, unten der schmucklose Hauseingang, neben dem das Auto des Autors steht ("E-A POE"). Matthias Bundschuh ist der verdruckste, merkwürdig geheimnislose Egaeus 1, mit Strickpulli und Krankenkassen-Brille als Zwilling Woody Allens ausstaffiert. Otto Katzameier singt den ebenso gekleideten Egaeus 2 mit Bariton-Geschmeidigkeit und sichtbarer Lust an den Revue-Nummern, Dorothee Mields (Berenice) gestaltet die extrem gelagerte Sopran-Partie mit kühler Intensität.<BR><BR>Fast verschenkt wird die Auseinandersetzung Poe/Vamp: er (Klaus Haderer) ein fahriger Schwächling, sie (Anne-Carolyn Schlüter) ein, ach ja, leichtes Mädchen mit Lederstiefeln und Leoparden-Mantel. Eine schnelle Nummer auf der Rückbank, ein Biss in den Hals, schon hat die Muse den Dichter "geküsst". Und mangelhaft bis ärgerlich ist die technische Umsetzung. Obwohl alle Darsteller über Verstärkeranlage sprechen und singen, ist nur ein Bruchteil des Textes zu verstehen. Durs Grünbeins Kunst? Die ist nur durch Lektüre des Textbuches erfahrbar. Was nicht unbedingt der Sinn einer Opernaufführung sein kann.<BR><BR>Nach 90 Minuten freundlicher Beifall und versteckte Buhs für Staud und Grünbein. Claus Guth und Christian Schmidt wurden gefeiert, obgleich ihre Arbeit unbefriedigend bleibt: Wie aus dem Ärmel geschüttelt, fast zu flockig-souverän wirkt diese Inszenierung, die mit szenisch Wohlbekanntem jongliert. Und angesichts des Fuhrparks, der dank Kollege David Alden bereits im Nationaltheater parkt, sei eines dringend empfohlen: eine Pkw-freie Zone auf Münchens Bühnen.</P>

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