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Doris Dörrie

Doris Dörrie:  Interview zum Kinostart von "Glück"

München - Doris Dörrie ist gut gelaunt beim Interview über ihren neuen Film „Glück“. Er  wurde im Rahmen der Berlinale präsentiert, und die 56-Jährige nutzt das gleich mal, um Kritik an der Auswahl der Wettbewerbsfilme zu üben.

Das hat ihr mancher in der Branche verübelt, aber Dörrie wird es egal sein. Seit ihrem Sensationserfolg „Männer“ vor 25 Jahren hat sie sich zu einer der erfolgreichen Konstanten der deutschen Kinolandschaft entwickelt.

In Ihrem Film geht es gar nicht um das, was man hierzulande mit Glück verbindet. Sie zeigen eher, was Glück in Wahrheit ist: gesund zu sein, in Friedenszeiten zu leben, ein Dach über dem Kopf zu haben…

Dieses ewige Glücksgerede, das wir betreiben, ist schon ein großer Luxus. Wir scheinen uns immer mehr aus dem Mangel heraus zu definieren, anstatt andersherum zu betrachten, was wir haben und darin womöglich einen großen Reichtum zu entdecken. Wir leben ohne Krieg, mit vergleichsweise wenig Gewalt und sind materiell ganz gut gestellt im Vergleich zu den meisten anderen Ländern. Das sind alles Dinge, über die wir uns auch mal freuen könnten. Aber das ist anstrengend, weil es etwas mit Entscheidung zu tun hat. So wie bei der Hauptfigur Irina – die entscheidet sich für ihr Glück.

Mittlerweile gibt es ja eine regelrechte Glücksindustrie, die davon lebt, den Weg zum wahren Glück zu verkaufen.

Ja, aber die reden in Wahrheit immer vom Unglück. Das Unglück ist ihr Geschäft. Das trifft mich schon, dass sich so viele als unglücklich empfinden. Sonst würden wir doch nicht dauernd vom Glück quatschen. Es ist eine Frage der Betrachtung. Fragt man, was einem noch fehlt, oder betrachtet man, was man hat?

Ihre Hauptdarstellerin Alba Rohrwacher ist ein Glücksgriff. Wie sind Sie darauf gekommen, die Rolle eines osteuropäischen Mädchens mit einer Italienerin zu besetzen?

Darum geht es in „Glück“

Die Osteuropäerin Irina arbeitet auf dem Straßenstrich. Sie lernt den Obdachlosen Kalle kennen. Die vom Krieg traumatisierte Frau und der psychisch Labile werden ein Paar. Ihr Glück gerät in Gefahr, als ein Freier in Irinas Wohnung stirbt. Die Filmkritik lesen Sie am Donnerstag.

Das war Zufall. Im Dezember 2010 war ich nach einem stressigen Einkaufstag ziemlich muffig und habe mich erschöpft ins Theatiner-Kino am Odeonsplatz gerettet. Dort lief der wundervolle italienische Film „Was will ich mehr?“ von Silvio Soldini. Da tauchte Rohrwacher auf der Leinwand auf, und ich war regelrecht verknallt. Diesem Mädchen glaubt man einfach alles. Sie trägt diese unglaubliche Wahrhaftigkeit in sich bei allem, was sie tut.

Alba Rohrwacher ist in Italien ein Star. War es einfach, sie für ein Projekt in Deutschland zu überreden?

Ich habe sie sofort zum Casting eingeladen, und sie hat sich von ihrem Vater das Drehbuch vorlesen und übersetzen lassen. Er ist ja Deutscher und lebt als Bio-Imker in Umbrien. Sie hatte sofort Lust auf diese Rolle. Das war ein großes Glück für mich.

Die Geschichte spielt in Berlin. Sie zeigen die Stadt als hart und unfreundlich.

Sonst hätte der Film nicht funktioniert. Berlin hat diese Härte, das ist für Vampire wie mich natürlich auch Futter. Aber man darf diese Brutalität nicht einfach nur als Material sehen, sondern man sollte sich sein Mitgefühl bewahren.

Sie machen etwas, was Sie noch nie gemacht haben: Sie zeigen eine sehr blutige Gewaltszene.

Ja, der Junge zerlegt eine Leiche, um seiner Freundin zu helfen. Das muss sich grässlich anfühlen, weil es grässlich ist. Ich habe versucht, es so zu zeigen, dass man es gerade noch verkraftet. Man muss aber spüren, was es für den Jungen bedeutet.

Viele Ihrer Kollegen behaupten, dass ausgerechnet solche Szenen bei den Dreharbeiten besonders viel Spaß machen.

Immer. Weil es Kindergarten ist. Es ist Spiel. Deswegen wird man auch leicht weggetragen, und es gibt die Versuchung, noch grausamere Bilder zu finden, weil es nicht echt ist. Aber es wirkt echt auf der Leinwand, das darf man nicht aus den Augen verlieren.

Am Ende hört man die beiden Hauptdarsteller über den Abspann singen. Wie kam es dazu?

Wir haben einfach kein Lied gefunden, das dieses große und so zerbrechliche Glück der beiden gut ausgedrückt hätte. Die großen Songs, die uns eingefallen sind, haben nie gepasst. Zu pathetisch, zu abgenudelt. Irgendwann hieß es: Schreib’ doch selber ein Lied. Also habe ich einen Text verfasst, der wurde von hervorragenden Leuten vertont. Und dann stellte sich auch noch heraus, dass Alba Rohrwacher wunderbar singen kann. Ein seltener Glücksfall.

Sie scheinen grundsätzlich viel Glück mit den Schauspielern zu haben. Die Besetzung ist exquisit – bis hin zu kleinen Rollen.

Ich verlasse mich da immer auf mein Gefühl, und bis jetzt ist es immer gut gelaufen. Für mich ist es wichtig, dass ich mich wohlfühle mit den Schauspielern und dass Vertrauen entstehen kann. Und ich möchte eine schöne Zeit beim Drehen haben.

Manche Regisseure setzen auf Spannungen, weil das angeblich kreative Energie freisetzt.

Das ist die Kriegstheorie. Aber ich kenne keine einzige weibliche Kollegin, die so etwas behauptet.

Also eine Männer-Theorie?

Ja. Der Dreh als Kriegsschauplatz. Das lehne ich ab. Es ist ein Luxus, Filme machen zu können. Man sollte es also zusammen genießen. Diese privilegierte Situation sollte man nutzen, um mit aller Kraft gemeinsam eine Geschichte zu erzählen und nicht, um sich gegenseitig fertigzumachen.

Das Gespräch führte Zoran Gojic.

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