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Doris Dörrie verspricht ein „investigativ-lustvolles Programm“ beim „forum:autoren“.

Interview zum „forum:autoren“ beim Münchner Literaturfest

Doris Dörrie: „Pinocchio ist das Symbol unserer Zeit“

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Beim Münchner Literaturfest, das am Mittwoch beginnt, kuratiert Doris Dörrie das „forum:autoren“. Wir sprachen mit der 62-Jährigen über das Spiel mit Wahrheit und Lüge.

München – Doris Dörrie ist bekannt als Filmemacherin („Kirschblüten – Hanami“, „Grüße aus Fukushima“) und Autorin („Alles inklusive“). Als Kuratorin des „forum:autoren“ beim Münchner Literaturfest hat sie die Reihe unter das Motto „Alles Echt. Alles Fiktion“ gestellt. 

Auf dem Programm des „forum:autoren“ ist Pinocchio abgebildet. Was bedeutet Ihnen die Figur?

Doris Dörrie: Pinocchio ist das Symbol unserer Zeit. Er steht für die Lüge an sich – und wir befinden uns gerade an einer seltsamen Schnittstelle zwischen Wahrheit und Lüge.

Gesellschaftlich, kulturell oder politisch?

Doris Dörrie: In allen Bereichen. Das hat sehr stark mit dem Erzählen zu tun – und eben das interessiert mich. Ich habe das Gefühl, dass es gerade zwei Strömungen gibt. Auf der einen Seite fiktionalisieren wir selbst unser Leben ständig. In den Sozialen Netzwerken erstellen wir ein Narrativ von uns selbst. Gleichzeitig wird auch in der Wirtschaft alles zum Narrativ, Werbung ist ein Narrativ, jedes Produkt hat ein Narrativ. Die Sucht, alles zu fiktionalisieren, ist sehr stark. Selbst in der Politik scheint derjenige zu gewinnen, der die bessere Geschichte, die bessere Erzählung hat. Sich gegen diese Entwicklung mit der Wahrheit zu stemmen, ist sehr, sehr schwer geworden.

Wie spiegelt sich die Entwicklung in der Literatur?

Doris Dörrie: Im literarischen Raum gibt es jetzt einen großen Realitätshunger, ausgelöst von der großen Fiktionalisierung des Alltäglichen. Wir misstrauen in der Literatur mit einem Mal der Fiktion und trauen der sogenannten Wahrheit mehr. Den globalen Erfolg eines Autors wie Karl Ove Knausgård (mit dem autobiografischen Zyklus „Mein Kampf“; Anm. d. Red.) kann man sehr gut damit erklären, dass wir bereit sind, hunderte von Seiten über Alltag zu lesen. Wir machen das, weil wir das Gefühl haben, dass wir dabei näher am Echten, an der autobiografisch verbürgten Wahrheit sind. Das ist im literarischen Kontext natürlich sehr fraglich. Denn alles, was ich schreibe, ist immer auch Erfindung. Doch wie viel Fiktion verkraften wir Leser in der Literatur heute noch? Diese Frage will ich beim „forum:autoren“ mit wunderbaren Schriftstellern ergründen.

Das ist auch ein zutiefst politisches Thema.

Doris Dörrie: Natürlich. Die Erfindung des Begriffs „alternative facts“ hat das sehr absurd auf den Punkt gebracht. Was passiert, wenn wir uns die Fakten selbst erfinden?

Kann Literatur hier in irgendeiner Form aufklärerisch tätig sein?

Doris Dörrie: Wie der Film verträgt sich Literatur schwer mit Didaktik. Ich würde sagen, dass das „forum:autoren“ ein investigativ-lustvolles Programm für Leute bietet, die lesen.

Lassen Sie es mich anders formulieren: Kann die Literatur den von Ihnen gerade beschriebenen Widerspruch bewusst machen?

Doris Dörrie: Das in jedem Fall. Es gibt Autoren wie Frank Witzel oder Ingo Schulze, die genau an der Schnittstelle von Wahrheit und Fiktion arbeiten. Sie werden alle Schriftsteller im Programm in diesen beiden Welten von Lüge und Wahrheit verorten können – und erkennen, wie groß manchmal der Spagat ist, den sie leisten müssen.

Vielleicht ist dieser Spagat das eigentlich Spannende für den Leser.

Doris Dörrie: Für mich schließt sich folgende Frage an: Wenn Flaubert sagt: „Madame Bovary – c’est moi“ und damit klarmacht, dass er alles erfinden kann, dass es sich nur wahrhaftig anfühlen muss. Ist diese Sehnsucht nach dem wirklich verbürgt Autobiografischen in der Literatur das Ende der Erfindung? Darf Madame Bovary nur noch über sich selbst schreiben? Das wäre die logische Schlussfolgerung.

Der Abschied vom Fabulieren wäre extrem lustfeindlich.

Doris Dörrie: Ja. Aber es wird uns im Moment so viel vorfabuliert, dass wir es anscheinend ein bisschen satt haben. Auf der einen Seite. Auf der anderen machen wir kräftig mit – und erfinden uns selbst ständig von Kopf bis Fuß.

Und das, obwohl die Fiktion oft rasch zerbrechen kann.

Doris Dörrie: Der Boden der Fiktion ist kein besonders haltbarer. Das ist eher ein fliegender Teppich – auf dem Platz zu nehmen ist natürlich auch eine tolle Angelegenheit. Nur: Wenn alles ins Schwanken gerät und der Teppich nur noch fliegt und nie mehr landet, dann wollen wir alle instinktiv mehr Bodenhaftung.

Die bietet zum Beispiel der Dokumentarfilm. Sie haben einige sehenswerte Produktionen in Ihr Programm aufgenommen. Ist das der bewusst gesetzte Gegenpol zur Skepsis am Erfundenen?

Doris Dörrie: Es ist ein schillernder Gegenpol.

Filme wie „Electroboy“ oder „Capturing the Friedmans“ zeigen letztlich auch inszenierte Wirklichkeiten.

Doris Dörrie: Die Filme bewegen sich ganz bewusst an der von Ihnen beschriebenen Schnittstelle. Wir werden das auch in einer Masterclass mit drei Filmen von mir ergründen: Als Regisseurin teste ich immer wieder aus, inwieweit ich Fiktion in die jeweilige Realität tragen kann. Ein Teil meiner Filme ist dokumentarisch – aber dadurch, dass ich sie in einen erfundenen Rahmen setze, werden sie wieder zur Fiktion. In meinen wirklichen Dokumentarfilmen versuche ich, das zu vermeiden.

Aber sobald Sie als Regisseurin die Position der Kamera festlegen, inszenieren Sie bereits – auch beim Dokumentarfilm.

Doris Dörrie: Natürlich. Und um den Menschen bewusst zu machen, dass jede Entscheidung beim Film eine Inszenierung ist und deshalb auch jeder Dokumentarfilm bis zu einem bestimmten Punkt inszeniert ist, wird es den Workshop „Filme lesen lernen“ mit Maya Reichert geben. Wir müssen uns ständig darum bemühen, diese Mittel der Fiktion zu verstehen und zu lesen. Nur so können wir erkennen, dass uns immer wieder ein Narrativ angeboten wird – auch wenn es so tut, als sei es die Wahrheit.

Die Fiktion ist nicht mehr ausschließlich Sache der Kunst, vielmehr kann jeder – um zum Beginn unseres Gesprächs zurückzukommen – ein Pinocchio sein.

Doris Dörrie: Der Künstler ist immer ein Pinocchio gewesen, weil er immer erfunden hat. Und die Erfindung an sich ist immer auch ein Teil Lüge. Wenn sich aber jeder in einen Pinocchio verwandelt und verkündet, etwas sei die Wahrheit oder die gefühlte Wahrheit, dann wird es sehr schwierig. Wenn alles zur Erzählung wird, kann es unter Umständen für uns alle sehr gefährlich werden.

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