Mit Dosen nerven

- In der Pinakothek der Moderne kehrt ein halbes Jahr nach Eröffnung der Ausstellungsalltag ein. Im positiven Sinne. Die Grafik-Abteilung zeigt schon die dritte Schau seit Beginn, und Architektur rüstet zu einer Präsentation mit Architekten-Skizzen. Nun bietet auch die Kunst eine "Auffrischung" im Feld 21. Jahrhundert. Einerseits wurden in dem Raum "Temporär 1" die Videos ausgetauscht, andererseits in Saal 21 Installationen und Gemälde gewechselt

<P>Unter dem Motto "Die Erfindung der Vergangenheit" (Kurator Bernhart Schwenk) sind von Manfred Pernice (1963 geboren) ein schrilles Arrangement und von Neo Rauch (1960) "neo"-surrealistische Gemälde zu sehen.</P><P>Die Arbeiten beider Künstler wurzeln in einer genauen Beobachtung und illusionslosen Bestandsaufnahme ihrer Umgebung. Pernice lässt die Scheußlichkeiten von Stadt und Land nicht verschämt im Dunkeln, sondern "nervt" mit "Containern" und "Dosen". Pressspan ist angesagt und verwandelt sich in trostlos-hässliche Stapelware oder Säulen. Der Berliner zitiert genüsslich jene Kachel-verzierten Pfeiler, die deutsche Unterführungen oder U-Bahnhöfe zu optischen Schreckenskammern machen, und kombiniert dazu Fotos von architektonischen Todsünden, Tourismus-Kitsch und Müll. </P><P>Zivilisationskritik auf die perfide Art. Das trifft auch auf Neo Rauch zu, dessen Bilder ein wenig an verblasste Postkarten aus dem amerikanischen Mittelwesten der 50er-Jahre erinnern.Die Ordnung von Agrarindustrie, Wohnhäusern und gestandenen Männern wird durch höchst befremdliche Vorkommnisse zerstört. Da bersten Blütenbäume ("Silo"), dort wird ein Biedermann zum Speerwerfer in antiker Haltung ("Mars"), und in "Reaktionäre Situation" blickt man besorgt auf den Betenden und den aufziehenden Tornado.</P><P>Fordern Pernice und Rauch intellektuellen Abstand, schaffen die Videos eher Nähe. Vor allem "Intervista" von Anri Sala (in Tirana 1974 geboren; lebt in Paris) ist herzanrührend. Anhand einer Aufnahme aus den 70er-Jahren, die keinen Ton mehr hat, konfrontiert er seine Mutter mit ihren (von Lippenlesern rekonstruierten) politischen Aussagen von damals. Ihr Schreck, dann ihr liebender Blick auf den Künstlersohn, der sie befragt und filmt, sind bewegend. Als kühl inszeniertes Experiment zeigt sich hingegen Francis Alÿ¨s' (1959 in Antwerpen geboren; lebt in Mexico City) Film: Wie lange kann man mit einer Pistole in der Hand durch eine Großstadt spazieren, bis die Polizei eingreift? </P><P>Insgesamt vier qualitätsvolle Positionen der aktuellen Kunst, die ruhig etwas fantasievoller und risikofreudiger hätten präsentiert werden können.</P><P>Bis 25. Mai. Telefon 089/23 805-360.<BR><BR></P>

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