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Großmäuliges Genie und rappendes Wirtschaftswunder: Dr. Dre hat für seine erste Platte seit 16 Jahren alte Freunde ins Studio geholt.

Dr. Dre stellt neues Album

„Schweinereich und wieder an der Arbeit“

München - Dr. Dre, Hobby-Rapper und mit Kopfhörern vermögend geworden, legt sein drittes, angeblich letztes Album vor. Lesen Sie hier die Kritik:

Dass der bestverdienende Musiker der Welt auch noch Musik machen soll, ist eine romantische Vorstellung. Passt aber nicht mehr in diese Zeit. 620 Millionen Dollar (rund 560 Millionen Euro) scheffelte US-Rapper und Produzent Dr. Dre laut Forbes im vergangenen Jahr – mehr als alle McCartneys, Springsteens, Beyoncés. Und das, ohne einen neuen Song aufgenommen zu haben, ohne ein einziges Konzert. Doch obwohl das rappende Wirtschaftswunder auf eigene Musik längst nicht mehr angewiesen ist, hat er nun ein neues Album veröffentlicht, sein erst drittes – im reifen Alter von 50. Lässiger Kommentar des Nebenberufs-Musikers: „Schweinereich, aber wisst ihr was? Ich bin wieder an der Arbeit!“

Müsste er aber gar nicht. Denn der Dr. hat den Dre raus. Als Rapper ist er eher Durchschnitt, als Produzent, Strippenzieher und Geschäftsmann dagegen einsame Spitze. Er machte mit seinen Produktionen Snoop Dogg und 50 Cent groß, sorgte 1999 mit dem Album-Meilenstein „The Slim Shady LP“ für den Durchbruch von Eminem zum Rap-Superstar. Dre sammelte sechs Grammys ein. Und sogar den selbst verliehenen „Dr.“ legalisierte er irgendwann mit seinem Abschluss in Psychologie.

2006 hatte das großmäulige Genie die lukrativste Idee seines Lebens. Mit dem exzentrischen Musikunternehmer Jimmy Iovine gründete er die Elektronikfirma Beats, die mit Kopfhörern und Lautsprechern den Markt aufrollte. Eigentlich, so heißt es, wollte Dre Turnschuhe produzieren, so wie es Brauch ist unter Rappern. Iovine soll ihn überzeugt haben: „Forget sneakers, let’s make speakers!“ – „Vergiss Turnschuhe, lass uns Lautsprecher machen!“

Kaum ein Sportler, kaum ein Rapper ist seither ohne die „Beats by Dr. Dre“-Kopfhörer mit dem kleinen „b“ auf den Ohren zu sehen, die den Klang nicht besonders gut wiedergeben, aber als unendlich cool gelten. So cool, dass Apple neidisch wurde und Beats 2014 für drei Milliarden Dollar (rund 2,7 Milliarden Euro) aufkaufte. Ziel der Übernahme waren die Kopfhörer – vor allem aber der Streamingdienst „Beats Music“, den Dre und Iovine aufgebaut hatten. Ihn brauchte Apple als Basis für „Apple Music“, der Musik-Flatrate, die seit Juni Spotify Konkurrenz macht. Bei Vertragsabschluss posierte ein feixender Dre mit einem Partyfoto im Internet: „Ihr seht den ersten Milliardär des Hiphop!“ Zur Milliarde hat es noch nicht gereicht. Aber eine halbe Milliarde Dollar soll ihm der Verkauf nach Steuern gebracht haben. Und so gilt der Rap-Doktor mit einem Vermögen von 780 Millionen Dollar (gut 705 Millionen Euro) als fünftreichster Musiker, hinter Musical-König Andrew Lloyd Webber und Beatle Paul McCartney (je 1,2 Milliarden Dollar), Trompeter Herb Alpert (850 Millionen) und Madonna (800 Millionen).

Weil Geldzählen auf Dauer fad ist, rappt er nun auch wieder. „Compton“ heißt sein drittes und angeblich letztes Album, benannt nach seiner für ihre Gewaltexzesse berüchtigten Heimatstadt, einem Vorort von Los Angeles. Für die erste Platte seit 16 Jahren hat er alte Kumpels ins Studio geladen: Snoop Dogg, Xzibit, Kendrick Lamar, Ice Cube und Eminem, der mit kranken Vergewaltigungsfantasien auf dem Track „Medicine Man“ für den üblichen Skandal sorgt. Davon abgesehen ist „Compton“ kraftvoller, einfallsreicher, als man es dem Hobby-Rapper Dre noch zutrauen würde. Der große Pate rappt selbst über seinen Aufstieg („Ein motherfucking Traum ist wahr geworden“), und hat wieder vielversprechende Talente ausgegraben. Das Jungvolk bezahlt Dre bestens, wie er im Abschlusstrack „Talking to my Diary“ verrät: „Ich war ein hungernder Künstler. Und deshalb will ich nie daran schuld sein, dass ein anderer Künstler hungert.“

Jörg Heinrich

Dr. Dre:

„Compton“ (Universal).

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